Ernſtes und ſeiner ſtrengen Sitten gebunden, hatte ſie frühzeitig ihre ſchönſten Illuſionen zerſtört geſehen.
Manon betrachtete allzeit ihren Gatten als ein überlegenes Weſen, zu dem ſie hinaufblicken mußte, als einen Mann, der einzig und allein durch die Vernunft exiſtirte. Aber da dieſe Ueberlegenheit von einem harten und herrſchſüchtigen Charakter begleitet war, welcher für ſeinen Egoismus alle Opfer forderte, ſo durfte unbedingt das Glück, deſſen Manon genoß, ſehr problematiſcher Natur ſeyn.
Sie hatte geglaubt, an ſeiner Seite eine Frei⸗ ſtätte und in ihm einen Führer auf dem Lebenspfade zu finden, ſo daß ſie einer höhern Entwicklung ent⸗ gegengehen könnte. Kurz, die Vereinigung zwiſchen chnen war in ihren Augen ein unauflösliches Band zwiſchen Lehrer und Lehrling.
Sie ſollte jedoch bald erfahren, daß das eheliche Band ohne Liebe zuweilen ſich drückend anfühlt, und daß man in der Wirklichkeit nicht ſo leicht wie in der Einbildung ſich in die Glückſeligleit hineinraiſonnirt.
Sie ſchrieb auch in dem letzten Briefe, den Marie von ihr erhielt:
„Ich bin oft unzufrieden mit mir ſelbſt darüber, daß ich mich nicht vollkommen glücklich fühle. Je mehr ich mich mit meines Mannes Glück beſchäftige, welches das Ziel von meinem Streben ausmacht, deſto mehr merke ich, daß etwas an meinem eigenen fehlt; und dennoch, wo müſſen wir unſere Seligkeit finden, als darin, daß wir die von Andern ſchaffen?“
Als Manon dieſen Brief abgeſchickt hatte, for⸗ derte ihr Mann, welcher ſich vor jeder irgend mög⸗


