Teil eines Werkes 
2. Band (1865)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

34

Schneider trat vom Fenſter zurück und fuhr in Gedanken fort:

„Ich will gerne glauben, daß die Behauptung ſeines Laufburſchen falſch iſt; aber ich fürchte dennoch, es liegt der Sache etwas Wahres zu Grunde. Warum wurde er ſo verwirrt, als ich in ſein Zimmer trat? Warum ſpiegelte ſich der größte Schrecken in ſeinem Angeſicht ab, als ich mich dem Schirme näherte? Dahinter ſteckt etwas. Ich muß Gewißheit darüber haben. Hat er, wie man behauptet, für ſeine eigene Rechnung von meinen Modellen Abgüſſe zu machen gewagt, ſo iſt das ein Diebſtahl von ihm, und mit Dieben habe ich kein Erbarmen.“

Der Profeſſor nahm einen Bund Schlüſſel aus ſeinem Schreibtiſche und begab ſich nach der Thüre von Calle's Zimmer. Er wählte einen derſelben und das Schloß ging auf.

Schneider trat in das Heiligthum des Jünglings. Er verſchloß die Thüre hinter ſich und ging auf den Schirm zu. Nachdem er denſelben bei Seite ge⸗ ſchoben, riß er mit einer Bewegung der Ungeduld die Decke von dem darunter ſtehenden Modell ab.

Schneider blieb lang mit unverwandtem Blick vor der ideal⸗ſchönen Figur ſtehen. Endlich murmelte er:

„Der Teufel ſteckt in dem Jungen; aber das ſind ja Sylvia's Geſichtszüge, verſchönert und idealiſirt. Hat er ſie hier ganz allein modellirt, dann...

Der Profeſſor begann das Modell von allen Seiten zu prüfen. Er ſchob das auf Rollen gehende Geſtell in das Zimmer vor, ſo daß er die Figur in richtiger Beleuchtung ſehen konnte, und blieb aber⸗