Teil eines Werkes 
2. Band (1865)
Entstehung
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29 kommen war. Die ganze Geſtalt hatte etwas von einer Knospe, das dieſes Alter charakterifirt, und ſelbſt dem phyſiſchen Menſchen einen gewiſſen poeti⸗ ſchen Duft verleiht. Die knieende Stellung, die er⸗ hobenen, zuſammengelegten Hände, der gebeugte Nacken und das aufwärts gerichtete Antlitz trugen ein ſo unverkennbares Gepräge von Andacht, Ver⸗ trauen und Demuth, daß man die Worte, welche über die halbgeöffneten Lippen kamen, zu hören glaubte. Das Angeſicht ſelbſt war in Form und Zügen von idealer Schönheit, im Ausdruck ſo belebt, daß man ſich zu glauben verſucht fühlte, es klopfe ein Herz in dieſer Bruſt. Unſchuld und Glauben ſprachen aus dieſer Miene und zwangen gewiſſer⸗ maßen den Beſchauer, mit ſeinen Gedanken der Betenden zu Gott zu folgen.

Der junge Schöpfer dieſer ſchönen Erſcheinung betrachtete ſein Werk mit einem Blick, wie ihn ein leidenſchaftlich Liebender auf den Gegenſtand ſeiner innigſten Neigung heftet.

„Wenn ich ſie in Marmor hätte, wenn ich nur meiner Hand eben ſo gewiß wäre, wie meine Liebe zur Idee warm und tief iſt, ſo könnte ſie mir einen unſterblichen Namen verſchaffen; aber es wird mir vielleicht niemals gelingen, dem Marmor Leben und Seele zu geben, auch wenn ich es dahin bringe, aus demſelben die untadelhafteſten Formen herauszuar⸗ beiten. Wie Schade, wenn meine Inſpiration den Meißel nicht ſo weit zu beherrſchen vermöchte, daß er das wiedergibt, was ich als das Schönſte ge⸗ dacht habe.“

Calle warf die rothe Decke wiederum über das