10
nicht zu lieben, die Du liebſt, oder das nicht zu vermiſſen, was Dir Genuß gewährt?— Willſt Du wiſſen, in welchem Verhältniß der Verſtand eigentlich zu unſeren Leidenſchaften ſteht?— Nun, in dem des Kammer⸗ dieners zu ſeinem Herrn. Er putzt ſie mit den hübſcheſten Coſtümen aus, nachdem er ihre Befehle ausgerichtet.
Der Verſtand findet die Mittel zu ihrer Befrie⸗ digung aus und tanzt nur nach der Melodie, welche die Gefühle ſpielen. Spreche deßhalb nicht mit ſo viel Stolz von unſerer intellectuellen Ueberlegenheit; ſie iſt, ſtreng genommen, nichts weiter als ein Feuer⸗ werk, durch welches wir unſere Mitmenſchen blenden und bethören.
In Worten und darin Andern Vorſchriften zu
achen, ſind wir ſtark; aber in den Handlungen
n wir große Stümper. So tadelſt Du z. B. mit großer Strenge meine Nei⸗ gung zu Fräulein Stangenſtjöld; aber, mein Freund, biſt Du ebenſo ſtreng gegen Dich ſelbſt?
— Ich ſchmeichle mir wirklich es zu ſein.
— Und doch, mein lieber Lembourn, würde ich⸗ wenn ich im Stande wäre, einen Blick in Dein In⸗ neres zu werfen, auch dort dieſelben Schwächen ent⸗ decken, welche Du mir vorwirfſt.
p Caſterton warf ſeine Cigarre von ſich und fügte inzu:
— Aber i davon ſprechen?— Laſſe Du mich meinen Weg gehen; ich laſſe Dich ja ungehin⸗ dert den Deinigen gehen. Du beſuchſt den Ball des Miniſters; ich bringe, von Schönheit und Geiſt und Anmuth umgeben, den Abend in Marthas Salon zu.


