Teil eines Werkes 
2 (1825) Nachtfalter / von Franz Maria Nell
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3135

ihr ein Bild eines allzulangen Lebens. Matt vom lan⸗ gen Lichte, dem keine Nacht folgen wollte, enteilte ſie, ſich ſelbſt nicht begreifend, mit ihrem Kinde der Hütte, die morgen Alle verlaſſen ſollten, eine Nacht, vielleicht im finſtern Walde am Afdalſtrome, und Ruhe zu finden. Sie ließ ein Blatt mit den Worten zurück:»Ihr rei⸗ ſet morgen und wißt noch nicht wohin, ich gehe euch voran, weiß ich gleich auch nicht, wohin ich gelange, ſo hoffe ich doch, daß wir uns wieder finden, denn un⸗ ſer aller Weg iſt derſelbe, und nur ein Pfad führt aus dem Afdalthale.

Adolph fand dieſes Blatt, als die übrigen Haus⸗ genoſſen den letzten Schlaf unter dem eigenen Dache ſchliefen. Auch ihm war der längſte Tag im Afdale mit ſeiner nebelbleichen Nachtſonne der längſte ſeines von Leiden und Selbſtvorwürfen getrübten Daſeyns gewor⸗ den; er las mit Entſetzen das Blatt Leonorens, dem die düſtere Stimmung ſeines eigenen ermatteten Ge⸗ müthes eine grauenvolle Erklärerinn ward. Er eilt

hinaus in das Thal, wo die Vögel im erſterbenden Son⸗

nenſcheine ſchliefen, und die Blätter aller Bäume, vom

übermaße des Lichtes welk, zur Erde hingen. Bleiche

Nebel zogen durch die halbdunkeln Felsſchluchten, in

jedem Nebelſtreife glaubte er bald Leonoren, bald ihren

Geiſt zu erſchauen. Mit Haſt zog er den Pfad gegen die II. Vand. 14