Teil eines Werkes 
2 (1825) Nachtfalter / von Franz Maria Nell
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13 violetfarbiges Gewand mit goldenem Gürtel verhüllte beſcheiden die edelſte Geſtalt, die kaum entwickelten, reizenden Formen bis nahe an den weißen, geſchmeidi⸗ gen Hals; die blonden Haare zierte eine einfache Per⸗ lenſchnur. Die biauen Augen des Mädchens verweilten bald mit unbefangenem Forſchen auf Aſtolph's Zügen, und dieſer, den das liebliche Weſen zu bezaubern an fing, fühlte ſich beglückt, als ihm bey der Mittagstafel ein Platz an deſſen Seite angewieſen wurde. Dieſer Um⸗ ſtand, und eine Stimme in ſeinem Herzen, die da ſag⸗ te:Dieſe iſt deine Braut, raubte ihm die Beſonnen⸗ heit, mit der er in ſeines Vaters Blicken die Beſtäti⸗ gung ſeines Vermuthens yätte leſen ſollen. Er hatte nur Augen für ſeine holde Nachbarinn, ihre offene, faſt freye aber doch kindliche Benehmungsweiſe, ihr freund⸗ liches Auge, das dem ſeinigen nicht auswich, ja ſogar ſinnend in ſeinem Geſichte die Löſung einer verſchämten Frage zu ſuchen ſchien, gewährten ihm bald die Ueber⸗ zengung, dieſe habe ſein Vater für ihn gewählt, ſie wiſſe um dieſe Wahl, und erwarte nur ſeine Zuſtim⸗ mung, um glücklich zu ſeyn. Ganz überließ er ſich den ſeligen Vorgefühlen der ſo lange erſehnten Liebe; er vergaß in dem Anblicke der unbefangenen Jungfrau alle bittere Erfahrungen ſeines Herzens, er ſöhnte ſich aus mit der Welt, um im Frieden mit Allen ſein ſchönſtes