323
Ich hoffe, daß Ihr jetzt envlich Reſpekt vor mir habt, denn ich bin verheirathet und Ihr ſeid doch nur Bräute.— Das hilft Dir noch wenig, entgegnete Emilie mit großer Ruhe; wenn Du uns einen Blick in die Zukunft thun laſ⸗ ſen könnteſt, ob Du uns wirklich ein Vorbild ſein kannſt, ſo wollt ich Reſpect vor Dir haben.— Liebe Emilie, bat Eliſabeth noch ſcherzend, aber doch etwas verletzt, Du wirſt mir doch heut an meinem ſchönſten Feſttag nicht bange machen wollen?— Ich weiß nicht, welcher Tag in Dei⸗ nem ganzem Leben geeigneter wäre, Dich aufmerkſam zu machen auf das, was Dir Noth thut, war Emiliens feſte Antwort.— Du trauſt mir doch aber wenig zu, nahm Eliſabeth ernſter das Wort, das iſt unrecht, Du weißt ja gar nicht, wie es in meinem Herzen ausſieht.— Du täu⸗ ſcheſt Dich eben über Dein Herz, begann Emilie jetzt etwas eifriger; wenn Du dabei bleibſt, alles mit ſo leich⸗ tem Sinn, mit ſolcher Freude und Sicherheit zu betrach⸗ ten, kannſt Du nicht glücklich ſein.— Eliſabeth erröthete und ſah zürnend auf die Sprecherin, und da ſie doch nicht wie in ihrer Jugend ſagen konnte: Altes dummes Mäd⸗ chen! auch ihr keine Ohrfeige geben und ſie umrennen konnte, wandte ſie ſich ſchnell von ihr.— Das gute Großmutter⸗ herz hatte auch dieſesmal die Scene beobachtet. Obgleich ſie die Worte nicht alle verſtanden hatte, wußte ſie den Sinn. Sie trocknete jetzt Eliſabeths Thränen und rieth ihr ſo warm und innig, gar nicht nach der Meinung der
Menſchen zu hören und in aller Noth ſich an den Herrn 21*


