Teil eines Werkes 
5. bis 9. Bändchen (1862)
Entstehung
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Aber noch war das Stundenglas nicht ausgelaufen. Das Blut begann wieder ſchneller in Michael's Adern zu fließen. Die Kraft kehrte zurück; er athmete leicht und frei. Nach Verlauf einer Stunde vermochte er ohne Mühe ſich aufzurichten, und als er dann einige Male im Zimmer auf- und abgeſchritten war, fühlte er ſich friſcher und belebter als ſeit langer Zeit.

Später am Abend ſaß er im königlichen Opernhaus. Eine junge Sängerin, welche damals noch in den erſten Tagen einer Berühmtheit lebte, die ſeitdem über die ganze Welt hingeflogen iſt, entzückte um dieſe Zeit ganz Berlin. Ihr Ruf war zu Michael Lambert's Ohren gedrungen, und der Wunſch, ſie zu hören, hatte ihn verlockt, noch einmal eine lange und beſchwerliche Reiſe zu unternehmen.

Der große, prachtvolle Saal war dicht beſetzt und gewährte den ſchönen, ja feſtlichen Anblick eines auf edle Weiſe hingeriſſenen Publikums. Ueber den Werth der Sängerin fand nur eine einzige Meinung ſtatt, oder vielmehr alle Meinungen wichen einem Gefühl innigen Wohlbehagens. Sie hatte Alle für ſich einge⸗

nommen, Alle, nicht bloß die vergleichungsweiſe geringe

Anzahl, welche im gewöhnlichen Sinn des Wortes muſikaliſch genannt zu werden verdiente.

Aber dennoch gab es ganz ſicherlich Niemand in der großen Verſammlung, der mehr genoß, als Michael. Man ſah an ſeiner tiefen Rührung, daß jeder Ton der genialen Sängerin an ſein Herz drang. Nach ihrer erſten Arie erhob er ſich von ſeiner Bank. Er ſchien um mehrere Jahrzehnte verjüngt. Das glückſeligſte Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen, ſein Blick ſtrahlte jugendlicher Wärme; er weinte und zwar vor Ent⸗ ücken. Ja, iſt ſie nicht unvergleichlich? äußerte einer ſeiner Nachbarn.

Wunderſchön! ſtimmte ein Anderer ein.