Teil eines Werkes 
5. bis 9. Bändchen (1862)
Entstehung
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Michael's Abſicht war nicht, dieſe Bemerkung zu beantworten; er hörte ſie wahrſcheinlich nicht und ſprach für ſich ſelbſt allein.

So, juſt ſo dachte ich mir das, ſagte er;ach, der Verfall der Kunſt iſt nicht mehr zu fürchten, ſo lange der Himmel uns Künſtler ſchenkt wie dieſes Weib. Jetzt möchte ich auf's Neue jung ſein, möchte noch viele Jahre leben, um meine ſchönen Träume verwirk⸗ licht zu ſehen. Aber nein, es wäre beſſer zu ſterben, in dieſer Stunde zu ſterben, mit einem ſo ſtarken Glau⸗ ben, einer ſo glücklichen Hoffnung, einer ſo guten Er⸗ innerung.

Darauf ſetzte er ſich wieder und blieb ganz ſchweig⸗ ſam und ſtill.

Warum applaudiren Sie nicht, mein Herr? fragte der Nachbar nach einer Weile; aber da er keine Antwort erhielt, wurde er etwas ärgerlich und redete ihn nicht weiter an.

Selten iſt eine Beifallsäußerung aufrichtiger ge⸗ weſen, als diejenige, die jetzt losbrach, als der Vor⸗ hang nach dem Schluß des letzten Actes gefallen war. Man applaudirte nicht bloß, weil es Mode war, ſon⸗ dern aus wirklichem, wahrem Enthuſiasmus. Alle Herzen fühlten ſich erwärmt von Dankbarkeit und alle Lippen riefen den Namen Jenny Lind, denn ſie, die Nachtigall des Nordens, war es, die an die⸗ ſem Abend einen wohlverdienten Triumph feierte.

Aber die Zuhörer begannen ſich zu entfernen. Bald war der Saal leer, nur Michael Lambert ſaß noch an ſeinem Platz. Ein Theaterdiener, der ihn bemerkte, ver⸗ muthete, daß er eingeſchlafen ſei, ging lachend hin um ihn zu wecken.

Ach, es war ein vergeblicher Verſuch. Michael war eingeſchlummert, um nie mehr zu erwachen; er war todt.

Ein herbeigerufener Arzt erklärte, daß der alte Mann von einem heftigen, augenblicklich tödtenden Schlag getroffen worden ſei.