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„Sollte das Stündchen wirklich gekommen ſein? dieſe Kühle, dieſe Mattigkeit, iſt das der Tod2“ fragte er ſich ſelbſt; aber in dieſer Frage lag keine Beängſti⸗ gung, keine Furcht.
„Ich bin bereit,“ fuhr er fort;„es iſt lange Abend geweſen, die Nacht wird mich nicht erſchrecken Ich habe viel gehofft und viel verloren, viel genoſſen und viel gelitten; aber das Leben habe ich geliebt, wie man eine Gabe Gottes lieben muß. Ich habe es geliebt, denn mein Sinn, nein, mein Herz iſt immer für ſeine Schönheit offen geweſen. Die Welt hat mir viel, viel genommen, was mir theuer war, aber mein Gefühl hat ſie nicht plündern können. Es iſt noch reich, es reicht aus, um allen denjenigen zu verzeihen, die mich beleidigt, alle diejenigen zu ſegnen, die mir Gutes ge⸗ than haben; ja es beſtreut ſogar mein Grab mit Roſen, denn es gibt mir die Gewißheit, daß ich in einem an⸗ dern Leben Alles vollkommen ſinden werde, was in dieſem nur eine liebliche Ahnung war. Unſer ganzes irdiſches Daſein iſt ja nur ein Prolog, eine Quvertüre. Leben heißt warten; aber der Tod kommt früher oder ſpäter, zieht den Vorhang auf, und jetzt erſt nimmt das eigentliche Schauſpiel ſeinen Anfang Oder ſoll⸗ ten wohl alle dieſe Funken, die ich erſtickt geſehen habe. ſollten ſie wohl— geauſamer Gedanke— ſollten ſie wohl für ewig erloſchen ſein?. O nein, da droben, dort erſt werden ſie ihre rechte Lebensluft finden, dort werden ſie in klare Flammen ausbrechen, und dort wer⸗ den auch für mich, der ich hienieden ein träumeriſcher Thor genannt worden, die Bande zerreißen, die meine Kraft unvollkommen machten. Was thut es auch, ob ich allein und verlaſſen ſterbe. Keine Thräne wird auf meine Stauberde fallen, Michael Lambert's Name wird nicht von trauernden Lippen genannt wer⸗ denz aber er bedarf dieſer Theilnahme nicht, ſeine Seele hat endlich das Schöne gefunden, das er immer ſuchte, das er beſtändig liebte.“


