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ausgeführt, aber das uebertriebene und Affektirte in ſeinen Bewegungen machte nichtsdeſtoweniger einen ko⸗ miſchen Effekt.
Als die Ouvertüre auf ſolche Art herausgequält worden war, ging der Vorhang in die Höhe. Die Bühne blieb indeß noch eine Weile leer, und während der Erwartung, die jetzt entſtand, hatte man ſich nur an einem ſehr betrübten Kindergeſchrei hinter den Couliſſen zu vergnügen, das ebenfalls bei dem Publikum große Munterkeit und viele luſtige Bemerkungen hervorrief.
Endlich trat die erwartete Sängerin auf. Nachdem ſie ganz nahe an den Rand der Bühne gekommen, nahm ſie eine fröhliche Miene an und begrüßte die Verſammlung mit einem ehrfurchtsvollen Compliment; aber weder das Lächeln auf ihren Lippen, noch die Schminke auf ihren Wangen konnte das tiefe Leiden verbergen, das ſich in ihren noch ſchönen, obſchon durch⸗ furchten und abgezehrten Zügen ausdrückte. Die Be⸗ mühung, fröhlich zu erſcheinen, machte nur einen ſcharfen, ſchneidenden Contraſt gegen das Betrübte in ihrem ganzen Weſen. Sie führte eine ſehr großartige und brillante Arie von Gott weiß welchem Componiſten aus. Es wäre unrecht, zu behaupten, daß ſie ohne alles Talent ſang, denn ſie beſaß noch immer wenigſtens eine ſchwache Reminiscenz von entflohenen beſſeren Tagen; aber die Stimme war klanglos, die höheren Löne bedeutend heiſer und der Vortrag kalt. Wer ihr mit Aufmerk⸗ ſamkeit zuhörte, fand jedoch trotz all dieſer Gebrechen etwas Rührendes in ihrem Geſang, das Mitleid her⸗ vorrief, und unter dem prunkenden Aufzug von zier⸗ lichen, obſchon oft ſehr mißlungenen Coloraturen verrieth ſich dazwiſchen hinein ein blutendes Herz. Es war, wie wenn ein ſchönes Auge durch eine garſtige, ſteife und ſeelenloſe Maske hindurchblickt.
Als der Geſang verſtummt war, hörte man von mehreren Seiten ſtarke und ſehr lärmende Applauſe, nebſt dem Ruf Dacapo. Dieſe Beifallsäußerung, in


