Teil eines Werkes 
5. bis 9. Bändchen (1862)
Entstehung
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welche das Publikum einzuſtimmen keine Luſt zeigte, trug ein mit Recht verdächtiges Gepräge, wie wenn ſie beſtellt wären, und daß es ſc wirklich ſo verhielt, er⸗ ſchien noch wahrſcheinlicher, wenn man ſah, mit welcher eſchäftigen Bereitwilligkeit der Chef des Orcheſters den chwachen Ruf als einen Ausdruck des allgemeinen Wunſches deutete. Auch die Sängerin ſchien die Sache aufzufaſſen, wie wenn ſie einen großen Triumph er⸗ rungen hätte. Um ihre Dankbarkeit zu zeigen, machte ſie tiefe Knikſe nach allen Seiten und ſchien dabei ihr ganzes Talent aufzubieten, um recht vergnügt und glück⸗ lich auszuſehen; gleichwohl bemerkte man, daß, während ſie ſich anſchickte, von Neuem zu beginnen, über ihre Lippen ein Seufzer ſich ſtahl, ein Seufzer, der zu klagen ſchien: Iſt es denn noch nicht aus?

Die Herren im Orcheſter ſaßen bereits mit der Geige unter dem Kinn oder den Blasinſtrumenten vor dem Mund da, und der Director war juſt im Begriff, ſeinen Taktſtock zu erheben aber in demſelben Augen⸗ blick hörte man wieder Kindergeſchrei hinter einer der Couliſſen. Eine ſchluchzende Kinderſtimme rief Mama! Mama! und unmittelbar darauf kam ein ſchönes kleines Mädchen von ungefähr zwei Jahren auf die Bühne ge⸗ ſprungen, ging auf die Sängerin zu und griff mit bei⸗ den Händchen feſt in ihr Kleid.

Die Zuſchauer, die ſich nicht ſonderlich feinfühlend zeigten, brachen bei dieſem Ereigniß in eine Salve von Gelächter und Geklatſch aus.

Aber die Sängerin ſchien in dieſem Augenblick ihren Platz und ihre Umgebung gänzlich vergeſſen zu

haben. Sie nahm die Kleine auf ihre Arme, drückte ſie mit Wärme an ihre Bruſt und küßte ſie. Dieſes Weib, das kaum noch ſo kalt geſchienen, war jetzt die Zärtlichkeit ſelbſt. Die Demuth verwandelte ſich in einen edlen Stolz. Ihre Blicke ſtrahlten. Das Trauerge⸗ wand, das ihre Züge getragen, bekam einen Roſen⸗ ſchimmer von der Freude, die aus dem Herzen kommt,