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Anſpruch auf ein großes Talent. Lucie mußte in dem verhaßten Bruder ihren Geliebten zu ſehen glauben, aber auf eimal wird ſie auf's Neue von der ganzen bodenloſen Tiefe ihres Elends erfaßt, ihr Schmerz er⸗ reicht ſeinen Höhepunkt und geht endlich in eine lieb⸗ liche Verkündigung des bald herannahenden Todes und des Friedens droben über den Sternen über.
Im Augenblick, ehe Leopoldine dieſen ihren Schwa⸗
nengeſang anſtimmen ſollte, der, genial aufgefaßt und aufgeführt, ſchon ſo manchmal bewieſen hat, daß er einen ergreifenden Effect beſitzt, warf ſie einen Blick zwiſchen die Cvuliſſen. Sie ſah da Marimilian, der ein Raub des heftigſten Schmerzes war; alle ſeine Hoffnungen hatten bereits Schiffbruch gelitten, das ſtand deutlich in hittn durch die Verzweiflung entſtellten Geſichtszügen zu leſen. Dieſer Anblick raubte der armen Sängerin ihre letzte Faſſung. Sie wußte ſelbſt nicht, was ſie ſang, ihre Stimme folgte nur mechaniſch der Leitung des Orcheſters. Endlich wurde ſie gänzlich verwirrt, beging einen Fehler nach dem andern, und ihre letzte Strophe: Mutter, du rufſt mich, ich fliehe zu dir! flog in fal⸗ ſchen, unpaſſenden Tönen durch den Saal.
Noch eine gute Weile, nachdem der Vorhang ge⸗ fallen war, herrſchte ein vollſtändiges Stillſchweigen unter den Zuhörern. Man ſchien Mitleid mit dem frü⸗ heren Günſtling zu empfinden, und Niemand hatte das Herz, den erſten Stein zu werfen, wie man ſagt. Aber ein ſehr wohlmeinender Freund der Sängerin ließ ſich durch dieſe Nachſicht bis zur Kühnheit ermuntern und begann einen Applaus zu wagen. Er hatte bald Ur⸗ ſache, es zu bereuen. Die vereinzelte Beifallsäußerung wurde mit einem ſcharfen Pfiff vom Parterre her er⸗ wiedert. Jetzt war das Signal zum Ausbruch einer allgemeineren Mißbilligung gegeben. Bald darauf hörte man von mehreren Seiten her anhaltende Piiffe, das matte Händegeklatſch wurde gänzlich überſtimmt. Die


