Teil eines Werkes 
5. bis 9. Bändchen (1862)
Entstehung
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Sie treten gleich dem Proteus der Mythe unter allen möglichen Geſtalten auf; Freude, Liebe, Schmerz, Ver⸗ zweiflung, Zorn, Haß, Alles liegt in Noten und Co⸗ ſtümen vor ihnen... Bei Leopoldine dagegen war es, wie geſagt, ein ganz anderes Verhältniß. Wenn ihr

Geſang einiges Leben erhalten ſollte, ſo mußte ſie ſelbſt ⸗

vollſtändig darin leben. Sie war kein Kind einer Schule, ſondern nur der Eingebung ihres Genies und ihres Gefühls. Sie war nicht bloß eine ausübende, ſondern auch eine ſelbſtſchaffende Künſtlerin. Sie begnügte ſich nicht bloß mit dem Wiedergeben, ſie legte Vollendung in ihre Rolle. Sie folgte dem Weg, welchen der Componiſt und der Dichter ausgeſteckt hatten; aber ſie dichtete ſelbſt unterwegs, und manche herrlich duftende Roſe ſprang aus dem trockenen Sand auf, manche friſche Quellader rann aus dem harten Fels hervor⸗ Ja, ſolcher Art war Leopoldine in ihren ſchönen Frühlingstagen, als der Himmel ſich noch in ihrer fleckenloſen Seele abſpiegelte, als ſie die Kunſt nur um des Schönen willen und das Schöne nur als eine Offen⸗ barung Gottes liebte. Solcher Art war ſie zur Zeit, da ihr reines Gemüth nur für gute Inſpirationen offen

ſtand, als ihr reiches Herz nur von edlen Gefühien er⸗

wärmt wurde. Aber die Welt ſtörte die Harmonie in ihrer Bruſt. Die Wirklichkeit verſcheuchte die Ideale und ſie zog ihre Gedanken hinab in einen niedrigen, engeren Kreis. Der Götterfunke in ihrer Seele wurde von keiner ſorgſamen Hand gepflegt, das Oel wurde von der Armuth des Lebens verzehrt, es wurde immer finſterer um ſie her, und verwirrt durch falſche Irr⸗ lichter, fand ſie den Fußpfad nicht mehr, der zum Heilig⸗ thum der Kunſt führt.

Noch einmal vom Schickſal auf die Schaubühne geführt, glich ſie jetzt einem Krieger mit zerbrochenem Schwerte, oder dem Freund Aladdin, nachdem er ſeiner Lampe beraubt worden. Bei jeder Scene wurde es ihr

immer deutlicher, daß ſie von ihrem Genius verlaſſen,