23
vermochte mir keine Stärke zu leihen, und die Welt ſelbſt, die ich mir ſo unendlich groß geträumt hatte, klemmte meine Seele ein.„Aus dieſem Mädchen kann nichts Vernünftiges werden,“ flüſterte man um mich her,„ſie wird ſich ſelbſt und ihre Familie in's Unglück ſtürzen.“
Es ſind erſt ein paar Jahre verfloſſen, ſeit man dieſe traurige Prophezeiung hörte.. Wo iſt wohl das arme beklagte Mädchen jetzt zu finden? etwa im Grabe oder iin Tollhaus? O nein, höret was die Fama verkündet, ſie führt ihren Namen unter Lobpreiſungen im Lande umher. Die ſtolzeſte Stadt des Reiches beugt das Knie vor ihren Talenten. Man huldigt ihr wie noch wenigen; ſie iſt glücklicher als irgend eine andere. Woher dieſe Verwandlung? Groß iſt die Macht einer hohen Idee; aber kann ſie wohl einer ſchwachen Menſchenſeele eine ſolche Stärke, einen ſolchen Sieg verleihen?. Ja wohl, denn eine ſolche Idee iſt un⸗ ſer Schickſal, iſt ein Schutzengel, der unſere Tritte lenkt, unſere Wege vorzeichnet. Ich fühle den Geiſt meiner Mutter, die Liebe meiner Mutter wieder bei dieſem Engel; die Sage, die ich mein Leben nenne, iſt ein ſchöner Gedanke von ihrer Seele.
Man ſagt, Ruhe ſei eine unumgänglich nöthige Eigenſchaft für jeden Künſtler. Dieſer Grundſatz iſt, wie manche andere Kunſtregel, für mich noch ein Räth⸗ ſel. Wenn ich auf der Bühne ruhig wäre, ſo würde ich alle Kraft, alle Fähigkeit verlieren. Wie könnte ich wohl ſelbſt ruhig ſein und gleichwohl mein Herz in eine Rolle legen, die nur Unruhe athmet und die hef⸗ tigſten Gemüthsbewegungen umfaßt?.. Ich möchte mir jedoch, abgeſehen von der Kunſt, für meine eigene Rechnung mehr Ruhe wünſchen. Eine Kleinigkeit kann jetzt oft Licht oder Schatten auf meine ganze Seele


