Teil eines Werkes 
5. bis 9. Bändchen (1862)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

Ich habe in der letzten Zeit bemerkt, daß zuweilen eine Stillſchweigen gebietende Stimme ſich in das Bei⸗ fallsgeſchrei des Publikums miſchte. Beſonders heute Abend hörte ich dieſe Stimme ſtark und deutlich. Sie erſchreckte mich und machte mich für einen Augenblick ganz muthlos. Bin ich denn bereits durch das Lob des Publikums ſo verwöhnt und verhätſchelt, daß ich nicht eine einzige Mißbilligung ertragen kann, die ich doch, das weiß ich ſelbſt, ſehr oft verdiene?

Rach dem Schluß des Actes kam eine meiner Ka⸗ merädinnen in meine Garderobe. Es iſt ein beſcheide⸗ nes Mädchen, obſchon beſſer in die Geheimniſſe des Theaterlebens als der Kunſt eingeweiht. Sie hatte den unangenehmen Eindruck, den ich empfunden, bemerkt und glaubte mir einen guten Rath geben zu müſſen.

Die unartige Stimme, die Ihnen heute Abend Verdruß bereitete, ſagte ſie,hat ſich ſchon lange hören laſſen. Ich, die ich mit im Chor ſinge, habe gute Ge⸗ legenheit, das Publikum zu beobachten, und das thue ich auch; Sie müſſen wiſſen, man kann kaum ein ein⸗ ziges Bravo auf Ihre Rechnung hören, ohne daß dieſe gemeine Stimme ihr ſtill, ſtill, dazwiſchen kreiſcht. Ich habe mich Ihretwegen ſchon recht geärgert, aber im Vertrauen geſagt, ich weiß recht wohl, woher dieſes Gekreiſche kommt. Ja, man iſt eiferſüchtig auf Sie. Sie haben viele Feinde, armes Kind, und man intri⸗ guirt bereits gegen Sie. Eine andere Sängerin, die⸗ ſelbe, die Sie immer ſo zärtlich umarmt, iſt ganz wü⸗ thend darüber, daß ſie von Ihnen in den Schatten ge⸗ ſtellt worden iſt. Vor Ihnen war ſie unſere Prima⸗ donna, obſchon ſie immer falſch ſang und kaum ein Dutzend Applauſe für die Saiſon rechnen konnte, mit Ausnahme ihres Behefizabends, wo ſie ſich mit Frei⸗ billetten eine Herausrufung erkaufte. Jetzt findet ſie ſich noch mehr zurückgeſetzt und ſie ha nicht halb ſo viel Gage als Sie. Hätte ſie nicht einen freigebigen Liebhaber, ſo ſäße ſie ſchon lange im Schuldthurm. Ich

2