Teil eines Werkes 
5. bis 9. Bändchen (1862)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

leitet mich, er ſpricht zu meiner Seele. Er gibt mir meine Gefühle ein und lehrt mich, ihnen Ausdruck zu verleihen. Ich verſtehe kaum, was es heißen will, eine Rolle zu ſtudiren. Guter Gott, wenn die Kunſt weiter nichts wäre als ſyſtematiſche Regeln, wenn ich meiner Seele nur die Worte und die Noten zu geben hätte, welch' eine elende Sängerin wäre ich nicht dann! O nein, Künſtler zu ſein, das heißt Alles, was die Welt, was der Gedanke, was das Gefühl, das Han⸗ deln und das Träumen Schönes haben, in ſeiner Seele auffaſſen und gleichſam in einer klaren Quelle wieder⸗ ſpiegeln; das heißt ein offenes Ohr und ein offenes Herz für die Geiſterſtimmen haben, welche die Größe des Himmels auf unſere Erde herniedertragen, welche von dem Göttli⸗ chen in dem Schönen flüſtern, welche in lieblichen Tönen die Verklärung der Sinnenweit ſingen und in der Natur die Kraft und den Sieg des Lichtes, der Wahrheit, der Liebe, des Friedens prophezeien!... Je lauter dieſe Stimme ſpricht, um ſo höher wird der Flug meines eigenen Geiſtes; mein Geſang erhält Leben, denn nur in meinem eigenen Entzücken bin ich ſo glücklich, die Herzen meiner Zuhörer mit mir fortzureißen. Sage mir alſo, was iſt mein eigenes Verdienſt in allem dem, was man meinen Triumph, die Siege mei⸗ nes Genies nennt?

*

Von den Blumen, die man mir auf der Bühne zuwirft, ſuche ich die ſchönſten aus, um ſie auf meines Paters Grab zu legen. Auch er beſitzt ja einen An⸗ theil an dieſen Blumen; ſein Künſtlergeiſt iſt es, der in mir fortlebt. Ach, ich glaube es, ſicherlich wird er mit himmliſcher Freude dieſe Opfer der Dankbarkeit, der Liebe ſeines Kindes entgegennehmen.

*6 5