Teil eines Werkes 
5. bis 9. Bändchen (1862)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

ſind noch keine große Sängerin, aber Sie könnten es werden... Glauben Sie nicht, daß ich unhöflich ſein will; ich will bloß eine gute That verrichten. Ach, wenn Sie Ihre Seele(und auch Ihre Kehle) recht zu pflegen verſtänden, welche Höhe könnten Sie dann nicht erreichen!. Folgen Sie alſo meinem Rath: Kehren Sie all dieſer erniedrigenden Schmei⸗ chelei, dieſem falſchen Tand, dieſer einnehmenden Lüge, die Sie umgibt, den Rückenz treten Sie in Ihr früheres Nichts zurück, werfen Sie die Prima Donna über Bord und wenden Sie ſich den Studien wieder zu. Folgen Sie meinem Rath, und Sie werden einmal einen größeren Sieg gewinnen, als Sie jetzt ahnen. Ich leugne wahrhaftig Ihr Genie nicht; aber Ihr Genie iſt ſchwebend, es ermangelt des feſten Grundes, der Klarheit und eines beſtimmten Willens, und gerade dieſer Schlag von Menſchen iſt es, welcher die größten, gefährlichſten Mißgriffe begeht. Ich nehme Ihnen Ihr Talent nicht. Sie ſingen zuweilen recht artig, beinahe ſo gut, als man überhaupt eine halbverrückte Muſik ſingen kann, die ſich, wie es mit Levnore der Fall iſt, um gemeine und unreine Gegenſtände dreht. Ja, Sie ſingen ſogar im Allgemeinen unendlich beſſer als viele Sängerinnen, die ſich bereits einen weltberühmten Namen erſchrieen und erträllert haben. Ich habe auch bemerkt, daß Sie Gefühl beſitzen; das iſt ſchön; aber Sie be⸗ ſitzen auch etwas, was noch weit beſſer iſt: nämlich Poeſie und jetzt kommt das Allerbeſte Sie ver⸗ rathen zuweilen, jedoch bei Weitem nicht immer, einen wahren naturfriſchen Geſchmack ſowohl als Sän⸗ gerin wie als Schauſpielerin. Das iſt es, was beſonders meine Theilnahme für Ihre Perſon erweckt und in mir große Hoffnungen auf Ihr Talent hervorgerufen hat. Ein guter Geſchmack kommt in dieſen Zeiten entweder von tiefen Studien in der Kunſt oder auch unmittelbar von Gott. Sie haben dieſe Gabe von ſeiner eigenen Hand erhalten. Aber nehmen Sie ſich in Acht: ſie