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und ſie iſt als Perſönlichkeit noch nicht intereſſant genug, um auf der Bühne die ganze Macht zu beſitzen, die ſie ſich aneignen könnte. Gleichwie es für einen Poeten nicht genug iſt, bloß zu ſchreiben, denn er muß auch poetiſch leben, wenn er populär werden will, ſo iſt dieß in ihrer Art auch mit einer Prima Donng der Fall. Aber ſie hat keine Nachwelt, für welche ſie lebt; ihr Wirkungskreis iſt zeitlich und räumlich beſchränkt, und ſie muß deßhalb in höherem Grad als andere Künſtler ſich bemühen, mit ihrer Mitzeit auf einen intimen Fuß zu kommen Das Theater in allen Ehren, aber eine Aktrice iſt es nicht, die eine geſunkene Moralität wieder aufrichten ſoll... Vor einem Monat war ich ganz hingeriſſen von Mamſell Leopoldine. Als Som⸗ nambüle hatte ſie mich bezaubert. Ich ließ mich eines Abends während eines Zwiſchenaktes ihr vorſtellen, mit dem feſten Entſchiuß, ihr mein Herz zu Füßen zu legen. Ich fand ihre Schönheit einnehmend; aber es war Schnee auf ihren Lippen, Eis in ihrem Blut. Ich wage zu behaupten, meine Herren, daß ſo etwas bei einer Aktrice unpaſſend iſt. Als ich in den beredtſten Ausdrücken meine warme Bewunderung ergoß, konnte ich wohl Anſpruch darauf machen, mit einem einzigen gnädigen Blick erfreut zu werden. Aber die Schöne antwortete nur mit Höflichkeit, eine Höflichkeit, die meinen En⸗ thuſiasmus augenblicklich abkühlte. Ich machte noch einen Angriff mit den ausgeſuchteſten Complimenten. Vergebens! Sie überhörte Alles, was ſie perſönlich be⸗ traf, und begann ſtatt deſſen von der Kunſt zu ſprechen. Jedermann weiß, daß ich ein Enthufiaſt für die ſchönen Künſte bin; deßhalb will ich aber dennoch hinter den Couliſſen keine äſthetiſchen Vorleſungen hören. Die Converſation wurde matt und langweilig. Es kam mir vor, als ſpräche ich mit einer beſcheidenen, ſehr gut er⸗ zogenen Cvuſine vom Lande, und nicht mit der erſten Sängerin einer königlichen Oper. Die junge Dame beſitzt ganz und gar nichts von jener muthwilligen,


