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„Ich verbitte mir alle proſaiſchen Ueberſetzungen meiner Kunſttheorie.. Meine Verehrung für die weib⸗ liche Tugend iſt unerſchütterlich; aber ich wage zu be⸗ haupten, daß eine Schauſpielerin, um ihr Publikum zu erwärmen, ſich anderer Waffen bedienen muß, als ſolcher, die für eine ländliche Unſchuld paſſen mögen. Fllle menſchlichen Gefühle in ihrem Spiel wiederzugeben, iſt ihre Aufgabe, und um dieß zu können, iſt erforderlich, daß ſie ſelbſt als ein Menſch lebt und nicht bloß in höheren Regionen. Man glaubt eine Schauſpielerin oft bloß deßhalb verdammen zu müſſen, weil ſie ſich das eine oder andere kleine Liebesabenteuer erlaubt, aber man vergißt da, daß dieſe Abenteuer juſt ihre Studien ſind. Glaubet mir, um eine gute Schauſpielerin auf der Bühne zu ſein, iſt unbedingt erforderlich, daß in dem Privatleben ein Bischen Romantik mit unterlauft WMan dayf alſo eine Schauſpielerin nicht nach den⸗ ſelben Grundſätzen beurtheilen wie ein gewöhnliches Weib, bei welchem die Unſchuld die erſte aller Tugenden iſt. Die Schauſpielerin muß die Leidenſchaften verſtehen, die ſie ausdrücken ſoll. Aber juſt dieſe Erfahrung, dieſe romantiſche Schule, die ich hier unter einem eigenen Sinn verſtehe, iſt es, was unſerer Prima Donna man⸗ gelt. Daß ſie eine liebliche Stimme, einen genialen Vor⸗ trag hat, will ich nicht leugnen, aber trotz dieſer glück⸗ lichen Gaben wird ſie es, im Fall ſie ſich nicht ändert, nicht weiter bringen, als daß ſie bloß die Verehrung aller Tanten und ſchwärmeriſcher Penſivnsmädchen ge⸗ winnt, während wir Söhne Adam's ihr den Rücken kehren; wohl verſtanden, nachdem wir erſt verehrungs⸗ voll uns vor ihrem Talent verbeugt haben; einen Applaus würde das ſchüchterne Ding vielleicht als eine Beleidigung anſehen.“ Auffaſſung der Kunſt iſt gar zu materia⸗ liſtiſch.“
ſee ſie iſt nichksdeſtoweniger vollkommen wahr. Mamſell Leopoldine perſteht ihr eigenes Beſtes nicht,


