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hat Gold und Silber in ihrer Kehle, ſagte ich, und damit meinte ich, daß ſie bald unſere Prima Donna ſein würde. Man lachte damals über meine Aeußerung, aber ihr Debüt rechtfertigte meine Prophezeiung.“
„Ich ſtimme gerne in ihr Lob ein, habe aber doch eine Bemerkung zu machen.“
„Nun ja, Du biſt immer unzufrieden.“.
„Ganz und gar nicht; unſer Freund Lebeaureſte iſt immer zufrieden mit ſich ſelbſt.“
„Laß Deine Bemerkungen hören, Bruder Lebeau⸗ reſte.“
„Nun denn, ſo hört. Im Theater will ich, daß meine Gefühle anders belebt werden, als in der Kirche⸗ Den erſtgenannten Ort beſuche ich zu meinem Vergnl⸗ gen und den letzteren um meiner Sünden willen. Wenn ich nach des Tages Mühen am Abend mein Theater⸗ billet kaufe, ſo wünſche ich von der Bühne her neue Wärme in mein abgekühltes Blut zu bekommen, aber nicht in Thränen zu zerſchmelzen. Eine große Sängerin muß, um uns recht angenehm zu intereſſiren, wie Thorwaldſen's Hirtin ein ganzes Haus voll Liebesgötter in ihrem Schooße haben und ſtündlich einen kieinen vollkommen bewaffneten Liebesgott auf die Bühne mit herausbringen. Dadurch erſt kommt, wie man ſagt, Leben in's Spiel. Mamſell Leopoldine iſt auf der Bühne wie im Leben eine Heilige. Man bemerkt kaum, daß ihr Fuß den Staub berührt. Sie iſt nicht menſchlich genug. Sie iſt zu ſehr Veſtalin. Und darum kann ſie zwar allerdings Bewunderung, aber eigentlich keine Sympathie erwecken, denn wir Zuſchauer haben im Allgemeinen die Schwachheit, durch unſer Binoele lieber ein liebenswürdiges, von unſern eigenen Affekten belebtes Weib, als eine von aller menſchlichen Schwachheit ge⸗ läuterte Jungfrau Maria betrachten zu wollen.“
„Das heißt mit andern Worten, Du legſt der jungen Sängerin ihre Sittſamkeit, ihren Mangel an aller Ko⸗
fetterie als Fehler gus,“
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