Teil eines Werkes 
5. bis 9. Bändchen (1862)
Entstehung
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ſpielenden, reizenden, halb eingeſtandenen Koketterie, die in der Regel die ſtärkſte Waffe einer Schauſpielerin bil⸗ det, und ſie ſchien ganz und gar nichts davon zu wiſſen, daß die größten Triumphe, die man auf der Bühne ge⸗ winnt, gewöhnlich hinter den Couliſſen begründet werden. Ihr ganzes Weſen erinnert mich an die Worte der Jung⸗ frau von Orleans, die, wenn mich mein Gedächtniß nicht täuſcht, alſo lauten:

Ein einz'ger Männerblick, der mein begehrt, Entheiligt mich und regt in mir ein Schaudern.

Seit ich Mamſell Leopoldine kennen gelernt habe, ſind ſelbſt in ihren glücklichſten Momenten meine Illuſionen immer durch die Erinnerung an ihre perſönliche Kälte geſtört worden. Aber ich hoffe, daß ſie mit der Zeit ihre philoſophiſche Auffaſſung der Kunſt aufgeben und ſtatt deſſen lernen wird, ein Compliment ſo zu beant⸗ worten, wie man es von einer Aktrice fordern kann. Und Deine Hoffnung wird Dich nicht täuſchen. Graf Manfred hat die junge Sängerin unter ſeinen beſonderen Schutz genommen. Man will wiſſen, daß er ſich bereits weit mehr für ſie intereſſire, als ſeine Pflicht als Theaterintendant ihm auferlegt, und wenn die Vollendung ihrer Erziehung in die Hände eines ſo erfahrenen Mannes gelegt iſt, ſo kann man vollkommen überzeugt ſein, daß ſie bald gehörig romantiſirt, ihre Stellung als Prima Donna aufzufaſſen wiſſen wird. Es fehlt ihr ſonſt gar nichts; ſie wird dann un⸗ widerſtehlich. Man wird ihr dann ſeinen Beifall zu ſchenken wagen, ohne daß man zu fürchten braucht, ihre jung⸗ fräuliche Sittſamkeit dadurch zu verletzen. Meine Herren, ich laſſe Ihren Bemerkungen all ihren Werth, aber was mich ſelbſt betrifft, ſo geſtehe ich aufrichtig, daß mein Herz von Mamſell Leopol⸗ dinens Anmuth viel zu ſehr eingenommen iſt, als daß ich über ihr Talent unpartheiiſch urtheilen könnte. Was