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übereinſtimmten. In einem einzigen Fall behielt der
Vater eine unnachgiebige Strenge bei, nämlich als
Muſiklehrer. Aber in ſeinem Enthuſiasmus für die gute Sache und ſeine Lieblingsideen betrieb er ſeine Lection mit einem Ernſt, welcher der unſtäten Natur
Marimilian's im höchſten Grade mißbehagte. Im All⸗
gemeinen zeigte dieſer Schüler große Luſt, ſeine tech⸗ niſche Fertigkeit zu üben und damit zu glänzen, aber dagegen einen beſtimmten Abſcheu davor, in die Tiefe der Lehren einzudringen. Zwiſchen Vater und Sohn wurde dieß bald und beſtändig ein Keim der Zwietracht; Erſterer kannte keine Nachgiebigkeit, und der Letztere, der in allen anderen Punkten ſeinen freien Willen hatte, murrte laut über dieſen Zwang. Die Furcht vor dem Zorn des Vaters nahm inzwiſchen immer mehr ab, denn Maximilian wußte nur zu gut, daß Michael, wenn er auch noch ſo erzürnt war, mit einem einzigen gut⸗ geſpielten Satz wieder beſänftigt werden konnte. Auf dieſe Art verwandelte ſich oft die drohende Hand in eine zärtlich ſchmeichelnde, der Vorwurf in Lob.
Jahre vergingen; Marimilian wurde Jüngling und zählte bereits ſeine achtzehn Sommer. Sein un⸗ gewöhnlich vortheilhaftes Aeußeres, ſein fröhliches, leb⸗ haftes Weſen und ſeine große muſikaliſche Geſchicklich⸗ keit verſchafften ihm eine Maſſe von Freunden. Die Lebensluſt ſchwoll in allen ſeinen Adern. Er meinte, die ganze Welt ſei kaum groß genug für ſeine kühnen Pläne, ſeinen Muth, ſeine Luſt, die ihm inwohnen⸗ den Kräfte zu prüfen. Wie eng mußte er alſo nicht den Kreis fühlen, worin der Vater ihn beſtändig ein⸗ geſchloſſen hielt! Das Lob, das er außer dem Haus einerntete, berauſchte ihn und hatte die Folge, daß Michael's fortwährende Strenge und ſeine vielleicht allzu pedantiſchen Forderungen ihm immer mehr mißfielen. Die ſchönen Lehrſätze hatten für Marimilian ein ſehr geringes Intereſſe; aber das freie, fröhliche, glänzende, üppige Künſtlerleben ſchmeichelte ſeinem Sini, und er


