Teil eines Werkes 
1. bis 4. Bändchen (1862)
Entstehung
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ſie in ſeinem eigenen Geiſt ausbilden. Aber in ſeiner Sehnſucht, das beſtimmte Ziel zu erreichen, und ſeinem Eifer, aus ſeinem Sohn einen vollkommen rechtgläu⸗ bigen Muſikus zu bilden, vergaß Michael leider mit der gehörigen Vorſicht zu Werke zu gehen und der leb⸗ haften, eigenſinnigen und endlich verwöhnten Gemüths⸗ art des Jungen die genügende Rückſicht zu ſchenken. Eigentlich war Marimilian, welchem die erſte Er⸗ ziehung durch eine Mutter fehlte, niemals in die Schule ekommen, die doch immer die allererſte für uns ſein ollte, nämlich in die Schule der Liebe, ſondern frem⸗ den Menſchen überlaſſen, hatte er ſchon in ſeinen zar⸗ teſten Jahren den Gehorſam nur als einen Nothzwang betrachten gelernt. Bei ihm war es nicht das Herz, was zuerſt angeregt worden war, ſondern vielmehr der Verſtand, die Berechnung, die Klugheit. Auf ſolche

Art konnte er zwar eine gute Aufführung zeigen, aber

die vornehmſte Triebfeder dazu war gewöhnlich die Furcht, ein gefährliches Gefühl, wenn es einem Kind allzu tief eingepflanzt wird, und die Bubenſtreiche, die er beging, waren zwar nicht ärger, als dieß gewöhnlich iſt, aber ſie hatten größere Bedeutung, weil ſie immer meiſterhaft berechnet waren. Erſt nachdem er durch ſein Violinſpiel Aufſehen erregt hatte und der Gegen⸗

ſtand allgemeinen Lobes geworden war, begann ſein

Pflegevater, der alte Kämmerer, ihn mit einem wärme⸗ ren Intereſſe zu umfaſſen, das bald in eine Nachgiebig⸗ keit überging, welche dem größten Eigenſinn Thüre und Thor öffnete.

Was jetzt Michael betraf, ſo war er ohne Zweifel ein geſchickter Wegweiſer im Gebiete der Kunſt, aber im Uebrigen verſtand er ſich ſehr ſchlecht darauf, ſeinen Sohn auszubilden. Es währte auch nicht lange, bis Marimilian einſah, daß ſein Vater die Zügel der Re⸗ ieng nicht recht ſicher hielt, weßhalb er auf eigene auſt ſich allerlei freie Seitenſprünge erlaubte, die mit einem gebührenden kindlichen Reſpekt nicht gänzlich