236 ich erzähle, daß die Liebe, nicht die Liebe zur Kunſt, ſondern die Liebe zu einer Schauſpielerin es war, die ihn feſſelte.
Ja, Michael war von einer heftigen Leivenſchaft für die Prima Donna des kleinen Theaters, Mamſell Diana, ein ganz junges Mädchen von großer Schön⸗ heit, ergriffen. Er hatte lange, aber vergebens, gegen dieſe Meinung gekämpft, und als er endlich von ihr überwunden worden, mußte er ſich ſelbſt geſtehen, daß nur ihr äußerer Liebreiz es war, der ihn bezaubert hatte. Mamſell Diana verbarg nämlich in dem Bild eines Engels eine höchſt erbärmliche Seele. Ihre Künſtler⸗ ſchaft ermangelte alles höheren Werthes, ihr Herz hatte ſehr wenig Edles und ihr Privatwandel war ganz und gar nicht tadelfrei. Dieſe Leidenſchaft für eine bloß oberflächliche Schönheit, dieſe Liebe zu einem Weib, dem er ſeine Achtung nicht ſchenken konnte, machte ihn ſehr unglücklich. Manchmal nahm er ſich vor, weit hinweg von dieſer gefährlichen Zauberin zu fliehen, aber er be⸗ ſaß nicht die Kraft, ſeinen Zauber zu brechen. Statt deſſen träumte er jetzt davon, ſeine Beherrſcherin von ihren Verirrungen zurückzuführen. Sie war ja ſo ſchön. Die Natur hatte ihr ſicherlich dieſe unwiderſtehliche An⸗ muth nicht geſchenkt, ohne auch in ihre Seele reiche Keime zu Edelfinn und Tugend niederzulegen. Ach, ſie war ja bloß ein Kind ohne Erziehung, allein hinaus⸗ eworfen in eine Welt von Sünde und Verführung.
inen gefallenen Engel wieder aufzurichten, ihr ent⸗ heiligtes Herz zu läutern, Platz für einen guten Geiſt in ihrer Bruſt zu ſchaffen, das war ja ein großartiges, ein erhabenes Werk.
So raiſonnirte Michael. Es wurde ſeine Lieblings⸗ idee, ſeine Geliebte von allen Ausſchweifungen zurck⸗ zuführen, ſie der Liebe eines ehrlichen Mannes würdig zu machen, und darum blieb er an ihrer Seite. Es war nicht das erſte Mal, daß ſolche Illuſionen einen jungen Mann verlockt haben. Man bebt niemals vor


