Leb jetzt wohl, lieber Erasmus, möge Gott Dein Haus beſchützen! Dieß iſt der letzte Wunſch im letzten Brief von Deiner Schweſter Johanna.
Nachſchrift: Zögere nicht lange; ich kann nicht ſterben, bevor Du kommſt.
Erasmus war ſehr gerührt, während er dieſen Brief vorlas. Seine Stimme zitterte und Thränen nöthigten ihn mehrmals, abzubrechen. Auch Frau Regina em⸗ pfand eine zärtliche Theilnahme. Roſina und Lilia ſchluchzten laut.
„Du reiſeſt alſo2“ fragte die Frau, ihre Thränen trocknend.
„Ja, ſchon morgen,“ antwortete Erasmus.„Gott laſſe mich nicht zu ſpät kommen.“
„Wie ſchön ſie ſchreibt! Mancher Pfarrer könnte ſie darum beneiden. Sie iſt auch immer eine gute Perſon geweſen, obſchon etwas ſchwach von Natur. So mitten im Winter zu reiſen. Das mag jetzt ſehr beſchwerlich ſein; Du mußt Deinen Wolfspelz mitnehmen⸗
Der Gedanke an die bevorſtehende Fahrt erweckte jetzt wieder Frau Reginens praktiſchen Verſtand. Sie hatte nicht mehr Zeit, ſich mit dem Kummer zu be⸗ ſchäftigen, denn ſie mußte für den gebührenden Reiſe⸗ proviant ſorgen. Die ſterbende Schwägerin wurde über den wollenen Hemden des Mannes vergeſſen. Nachdem ſie auf dieſe Art wieder in ihre gewöhnliche Stimmung gekommen war, vertiefte ſie ſich in ſehr klugen Betrach⸗ tungen über die Zukunft.
„Wie iſt das, Erasmus?“ fragte ſie;„Deine Schweſter hat ja ſeit vielen Jahren das Recht auf den kleinen Pachthof, den ſie bewohnt. Ganz ſonderbar iſt es doch, daß ſie gar nichts von Geſchäftsſachen erwähnt. Sorge jedenfalls dafür, daß Alles in Ordnung kommt, bevor ſie ſtirbt. Ihr Haus wird gering genug ſein, aber wenn man es mit Verſtand verkauft, ſo kann man


