Teil eines Werkes 
1. bis 4. Bändchen (1862)
Entstehung
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war. In mir wohnte der feſte Glaube, daß der Menſch das Leben erhält, um ſterben zu lernen. Und ich mag mich nicht darüber grämen, daß ich früher als die Meiſten dieſe Ueberzeugung gewann. Das Grab iſt für mich nicht mehr eine finſtere Nacht; es wird durchſtrahlt von den hellſten Sternen. Der Tod erſcheint mir nicht mehr als ein grauenhaftes Beingerippe; er iſt ein milder freundlicher Engel, der mich wieder zu ihm führt, den ich geliebt und beweint habe.

Nur mit einem einzigen Band bin ich noch an die Erde gekettet, und beim Gedanken an die bevorſtehende Zerreißung deſſelben blutet mein Herz— es iſt mein Kind, meine Leopoldine!... Was ſoll aus ihr werden? Wer wird ſie leiten, wer wird ſie lieben 2... Die arme, arme Kleine, an ihren Vater kann ſie ſich nicht erinnern, und bald wird auch ihre Mutter von ihr ſcheiden und ſie allein laſſen, ganz allein in einer fremden, kalten, un⸗ freundlichen Welt. Wie manche bittere Augenblicke ſtehen ihr nicht bevor! Wie wird nicht ihr Herz klagen, wenn ſie findet, daß ſie Niemand zum Lieben hat! Wie leer wird ihr nicht das Leben erſcheinen, wenn ſie ſich ſelbſt mit Andern vergleicht, die in einer liebereichen Vaterwohnung aufwachſen! Im Kummer wird ſie ohne Troſt ſein, und im Glück— auch da wird die Sehnſucht ihre Freude verbittern; denn was iſt die Freude werth, wenn ſie nicht getheilt wird?... Ach, Erasmus, Du wirſt Dich vielleicht darüber wundern, aber zuweilen empfinde ich ein Verlangen, dieſen reinen, unſchurbevollen Engel mit mir in's Grab zu reißen; ich möchte meinen Todes⸗ ſeufzer in ihre junge Bruſt einhauchen, ich möchte ſie von der Erde hinweg nach einer beſſeren Welt ent⸗ führen.

Aber nein, ſie muß leben. Mögen alſo bei ihr alle Kräfte der Geſundheit blühen, möge das Glück des Ge⸗ wiſſensfriedens niemals ihre Seele verlaſſen, und möge in ihr die holde Freude meiner eigenen Jugend wieder zum Leben erwachen! Ja, ja, ſie muß leben! Auch ich