Teil eines Werkes 
1. bis 4. Bändchen (1862)
Entstehung
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Farbenſpiel und ihrem Duft beſaß ſie eine vertraute liebe Freundin, die ihr manche ſchöne Sage aus ihrem eige⸗ nen Leben erzählte.

So war die Natur für ſie ein offenes Buch, worin

ſie auf jedem Blatt den himmliſchen Urſprung des Schö⸗ nen, ſeinen Sündenfall und die Gewißheit der Wieder⸗ vereinigung in einer Welt von ungeſtörter Harmonie, ſowie die Liebe las, welche die Kraft alles Lebens, die Löſung aller dunkeln Räthſel ausmacht. Johanna war es, die ihr Kind gelehrt hatte, die myſtiſche Chiffer ſo zu deuten; ſie war es, die ihr die Noten zu dieſer hei⸗ ligen Schrift übergab, und ſie glaubte Raimund's Mah⸗ nung auf ſeinem Todtenbette:Oeffne ihre Seele früh die Schönheit der Kunſt, nicht beſſer erfüllen zu önnen.

Daß ein Beſuch das einförmige Leben im Thal ſtörte, das gehörte zu den Seltenheiten; aber einmal im Jahr, während der ſchönſten Sommerſaiſon, und zwar ſo regelmäßig, daß es gewöhnlich an demſelben Tage geſchah, wurde Johanna von dem eigentlichen Beſitzer des Gütchens begrüßt. Dieſer, ein Fünfziger, der den Titel Kämmerer führte, war in der nächſten Stadt an⸗ ſäßig und machte von da aus jährlich zur gleicher Zeit eine Inſpektionsreiſe auf mehreren kleinen Pachthöfen, die er in der Gegend beſaß. Er war als ein ſehr ge⸗ nauer und ordnungsliebender Geſchäftsmann bekannt; viele hielten ihn ſogar für geizig und legten ihm ſeine ſteife, abgemeſſene Haltung als Hochmuth aus. Johanna hatte jedoch niemals Urſache gehabt, ſich über das Eine oder das Andere zu beklagen. Im Gegentheil hatte er ſich ſchon von ihrer erſten Bekanntſchaft an ausnehmend generös und zuvorkommend gegen ſie gezeigt. Auch die⸗ ſes Benehmen wollte man, d. h. die böſen Zungen, eigennützigen Abſichten zuſchreiben. Man ſagte nämlich,