Teil eines Werkes 
1. bis 4. Bändchen (1862)
Entstehung
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fürchtete keine Gefahr, die ungebahnteſten Wege, die unzugänglichſten Dickichte wurden vorzugsweiſe aufge⸗ ſucht, mit einer Kraft und einer Geſchmeidigkeit, die manchem Jüngling Ehre gemacht haben würde, ſchwang ſie ſich luſtig wie der Wind die ſteilſten Klippen hinauf, wo der Adler in ſicherer Ruhe ſein Neſt baute, und über ſchwindelnde Abgründe hin machte ihr Fuß kühne und ſichere Sprünge. In Leopoldinens Buſen keimte bei dieſen waghalſigen Wanderungen der friſcheſte Lebens⸗ muth empor. Das Blut floß ſo leicht in ihren Adern. Die reine Luft, die ſie einathmete, erweiterte ihre Bruſt. Aller krankhafte Naturqualm wurde von den kühlen Morgenwinden verſcheucht. Ihre Blicke bekamen Feuer. Ihr Leben erſchien ihr ſo klar, ſo rein, und mit einer guten Hoffnung und Zuverſicht auf die eigene Kraft flogen ihre Gedanken in eine Welt hinaus, die ſie noch ganz und gar nicht kannte.

Wenn ſie envlich von ſolchen Streifereien müde wurde, beſaß ſie unter jedem ſchattenreichen Baum einen Ruheplatz. Aber vorzugsweiſe ließ ſie ſich nach den Mühen der Wanderung an ihrem Lieblingsplätzchen nie⸗ der, einer kleinen Klippe mitten in dem wildeſten Waſſer⸗ fall. Hier konnte ſie mehrere Stunden in derſelben Stellung auf dem weichen Moos ausgeſtreckt liegen, und

Mancher, der ſie ſo betrachtete, glaubte, ſie ſei auf ih⸗

rem geſährlichen Platze eingeſchlafen. Aber Leopoldine war dann bloß in die Welt der wachenden Träume ver⸗ ſetzt. Die Einſamkeit hatte für ſie ihre Leere verloren, man konnte ſich zu dem Glauben verſucht fühlen, daß ſie gleich den Throſophen mit unſichtbaren Geiſtern Um⸗ gang pflege. Wenn es kaum noch möglich war, ihren Schritten nachzukommen, ſo wurde es wahrlich nicht

leichter, ihrer Phantaſie zu folgen. Zuweilen erhob ſie

ſich auf eine goldrandige Purpurwolke, welche ſie auf einer kleinen Luſt⸗ und Luftfahrt zwiſchen Himmel und Erde einlud. Wie ſie umherſchwebte in dem unendlichen Raum Sie ſah die Heimath des Blitzes und des