Teil eines Werkes 
1. bis 4. Bändchen (1862)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

23

der von den Flügeln der Seele ſtrahlt, wenn ſie ſich beim Schein der Morgenſonne ausbreiten, wie gar zu bald wird er nicht von einer gedankenloſen Welt ver⸗ wiſcht, und wie ſchlecht wird er nicht ſpäter durch den bunten Staub erſetzt, den eine auf Flitter und Tand beruhende Bildung ausſtreut! Bald tritt bei uns die Stimmung ein, welche über die mehr oder weniger harmoniſche Reinheit unſerer Gefühle für die Zukunft entſcheidet. Und was iſt die Kindheit oft anders, als ein Thema, worüber das ganze Leben nur Variationen bietet? Gott hat uns das Gefühl des Schönen gegeben, damit wir den Ton, den er in ſeiner Schöfung ange⸗ ſchlagen hat, begreifen können und davon gerührt wer⸗ den. Die freie Natur, das iſt die rechte Kleinkinder⸗ ſchule. Laß die einfache Poeſie, die da fließt, den in jeder Seele ſchlummernden Schönheitsſinn wecken, wenn Du willſt, daß dieſe jungen Herzen einmal recht lebhaft das Tugendhafte und Eole nach ſeinem Werthe zu ſchätzen vermögen.

Leopoldine war ein liebenswürdiges und ſchönes Kind. Schon frühzeitig bekam ihr Gemüth eine ernſtere Richtung durch den Umgang mit der immer in Trauer befangenen Mutter. Aber dieſer Ernſt war ſo mild. Er verſcheuchte die Freude nicht, er raubte ihr auch nicht die unerſetzliche Annehmlichkeit einer natürlichen Friſche. Ihre Empfänglichkeit für verſchiedene Eindrücke und der beinahe augenblickliche Wechſel der Gefühle, den man bei ihr wahrnahm, verrieth ein lebhafte und reichbegabte Seele. An gleichalterigen Spielgenoſſen fehlte es ihr beinah gänzlich. Dagegen lebte ſie in kind⸗ licher Vertraulichkeit mit den Vögeln des Waldes, mit den Blumen der Wieſe, mit den Waſſerfällen und den Bergen.

Es war eine Freude, ſie auf eigene Fauſt in der Gegend umherſchwärmen zu ſehen. Mit der Leichtigkeit und der freien Anmuth der Gazelle eilte ſie zwiſchen den Baumſtämmen hin, die Klüfte des Berges hinan. Sie