Teil eines Werkes 
1. bis 4. Bändchen (1862)
Entstehung
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auch das Ziel ihres Sehnens nicht zu erreichen. All ihr Arbeiten beſteht nur in Geburtswehen, welche be⸗ ſtändig todtgeborne oder mißgeſtaltete Erzeugniſſe zur Welt fördern.

Leider wollte Raimund's trauriges Schickſal, daß auch er die Zahl dieſer beklagenswerthen Opfer ver⸗ mehrte. Als Portraitmaler war er glücklich geweſen, aber ſein Talent entſprach nicht ſeinem Verlangen nach Erreichung einer höheren Stufe. Es fehlte ihm dazu die ſchöpferiſche Kraft, die nothwendige harmoniſche Uebereinſtimmung zwiſchen der Idee und den mechani⸗ ſchen Talenten. Wenn er dieſen Weg früher gewählt und ſeine Anlagen durch fleißiges Studium ausgebildet hätte, ſo würde er es wahrſcheinlich ſehr weit gebracht haben; aber jetzt mangelte ihm die Geduld, um die nothwendigen Vorbereitungen durchzumachen. Sein Geiſt hatte einen zu großen Vorſprung genommen, er war nach höheren Regionen geflogen, ehe er ſich die äußere Kunſtfertigkeit angeeignet hatie, und wie er immer malte, ſo fand er in dem Gemälde vor ſich nicht die Wieder⸗ ſpiegelung des ſchönen Urbildes, das er in ſeinen Phan⸗ taſien ſchaute. Zuweilen belebte ſich ſein Muth, wenn er mit einem glücklichen Pinſelſtrich ſeinem Ideal näher gekommen zu ſein glaubte. Die Freude war jedoch von kurzer Dauer. Bei genauere Prüfung entdeckte er bald hunvert Fehler gegen dieſen einzigen Glückstreffer. Die Eigenliebe vermochte ihn nicht in holde Selbſttäuſchun⸗ gen einzulullen. Unbarmherzig vernichtete er ſein Werk einmal um's andere, und man ſah ihn zuweilen in tiefer Verzweiflung von ſeiner Staffelei entfliehen; aber am nächſten Morgen ſtand er wieder da, mit einem neuen Anfang beſchäftigt.

So gern er auch gewollt hätte, ſo war es ihm un⸗ möglich, ſeine Leiden vor ſeiner Frau zu verbergen. Ach, ſie verriethen ſich binnen Kurzem all udeutlich an ſeinem beklommenen Gemüth, ſeinen bleichen Wangen und ſeinen abgezehrten Gliedern. Johanna's Bitten,