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Gefühl der Freiheit machte ihn jetzt ſo gluͤcklich. Er umfaßte mit Vorliebe das ſymboliſche Genre. Daſſelbe erhabene Recht, das ſo manchen Künſtler begeiſtert hat, ergriff auch ihn. Er machte den Entwurf zu einer Ma⸗ donna. Ohne Zweifel war es allzu kühn für ſein erſtes Gemälde, das eigentlich nur ein Verſuch ſein ſollte, einen ſo großen, ja, wenn man die bereits vorhandenen Leiſtungen betrachtet, den allergrößten Gegenſtand zu wählen. Aber er wollte ſeinem bisher unterdrückten Künſtlergeiſt auf einmal Luft ſchaffen. Er glaubte an den Goethe'ſchen Satz, daß ein hoher Gegenſtand die Seele des Künſtlers erhebe, ſie befördere, ihr Muth und Kraft verleihe, mit Vergnügen ein Werk zu vollenden, das als Keim in der Idee liegt und unter der pflegen⸗ den Hand des Künſtlers ſchne emporwächst. Ueberdieß wurde er nach dieſer Richtung vielleicht auch durch den Umſtand geleitet, daß er in ſeiner Johanna ſtündlich eine ſo ſchöne Offenbarung der Göttlichkeit der Mutter⸗ liebe um ſich hatte.
Wochen, Monate verfloſſen, aber Raimund's Ge⸗ mälde war noch lange nicht vollendet. Einer der bitter⸗ ſten Schmerzen, die einen Menſchen martern können, beſteht vielleicht in dem Gefühl eines Künſtlers, wenn er merkt, daß ſeine Flügel ihn nicht tragen wollen, wenn er einſieht, daß er ſeine Ideale nur in luftigen Träumen zu ſchaffen vermag, aber das Vermögen nicht beſitzt, ſie feſtzuhalten, ihnen in der Kunſt eine Wirk⸗ lichkeit zu geben. Wenn irgend etwas eine unglückliche Liebe genannt wird, ſo iſt es dieſe Sehnſucht der Seele nach dem vollſtändigen Beſitz ihrer Idee. Und gleich⸗ wohl, wie Mancher, der ſich in ſeine Phantaſiebilder verliebt hat, ſeufzt nicht vergebens nach einer ſolchen glückſeligen Vermählungsſtunde; wie Mancher verbringt nicht ſein ganzes Leben in nnausgeſetztem Sehnen nach dem beſten Theil ſeines eigenen Ich! Das Gemüth ſolcher Menſchen iſt in Banden geſchlagen. Sie können ihre Freiheit nicht wiedergewinnen, aber ſie vermögen
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