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Aber ſeine beſten Tage damit zu vergenden, iſt gleich⸗ wohl etwas Entſetzliches; ein Mann von Phantaſie und ſelbſtſtändigem Geſchmack muß dabei geiſtig verhungern. Ich bin dieſer ſeelenloſen Arbeit, dieſer Kunſt, die man weder ſchön noch angenehm nennen kann, im höchſten Grad überdrüſſig. Man kommt zu mir und beſtellt ſein Contrefei, gerade wie man zu einem Schuſter geht und ein paar Schuhe beſtellt. Ihm zeigt man die Füße und mir das Geſicht, darin liegt der ganze Unterſchied; und wie man von ihm einen kleinen Schuh verlangt, der zu einem großen Fuß paſſen ſoll, ſo verlangt man von mir ein ſchönes Portrait, das einem gemeinen Ge⸗ ſichte gleichen ſoll. Lieber Herr, heißt es, meine Naſe mag am Ende doch nicht ſo ganz dick ſein, und mein Mund hat, ich verſichere Sie, ganz und gar nicht dieſe unförmliche Breite. Ein Bräutigam will in den Schaafsaugen ſeiner Liebſten mehr Feler haben. Eine alte Matrone findet, daß man es mit ihren Runzeln gar zu genau nehme. Ein ander Mal dagegen iſt man nicht getreu; ein Ehemann wird unzufrieden, wenn er, mit ſeiner Brille bewaffnet, vergebens nach den Leberflecken am Kinn ſeiner Frau ſucht. o, das iſt ſchrecklich! Man muß keine Spur von Schönheitsſinn haben, um dieß aushalten zu können, und ein ſchlechter Stoff macht einen ſchlechten Künſtler. Da muß ich neuerdings noch auf eine Familie gerathen, die ge⸗ wiß die häßlichſte in der ganzen Stadt iſt, und Alle zuſammen ſollen portraitirt werden. Mama und Papa und vier abſcheuliche Mamſellen hängen bereits, ſich ſelbſt zur Strafe und Andern zum abſcheulichen Exempel als Verunzierungen an einer Wand des Salons; aber gleichwohl kommt der unverbeſſerliche Mann vor einigen Tagen von Neuem zu mir. Ich möchte doch die Samm⸗ lung vollſtändig haben, ſagte er, und zeigte mir dabei ſeinen Letztgeborenen, einen kleinen ſchiefäugigen und roth⸗ haarigen Wechſelbalg... Nein, das iſt ausgemacht, ich ſchlage die Fabrik zu und tauche meinen Pinſel für


