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Kleine auf ſeinen Armen zu wiegen. Sehr häuſig ſind die Phantaſien des Glücklichen nur ein Spiel mit fröh⸗ lichen Hoffnungen. Wer kann all' die Zukunftspläne zuhlen, die an dieſer Wiege erdichtet wurden! Mit ſol⸗ chen kindiſchen Plaudereien, wie der Verſtandesmenſch ſie nennt, konnten die beiden Gatten machmal mehrere Stunden der Nacht verwachen. Wie herrlich waren ihnen nicht dieſe Stunden, wo ſie ſich ſelbſt und dieſes Kind beſaßen, das mit Roſen auf ſeinen kleinen Wan⸗ gen den ruhigen Schlaf eines Engels ſchlief. Sagt, was kann ein Herz hienieden mehr begehren?
In Raimund ging inzwiſchen eine pſychologiſche intereſſante Veränderung vor. In demſelben Maß wie die Liebe immer mehr ſein Herz verevelte, entwickelten ſich und reiften auch alle ſeine geiſtigen Eigenſchaften. Seine Gefühle im Allgemeinen wurden tiefer und ſeine Gedanken nahmen einen kühnen Flug. Ja, ſelbſt in ſeinen Anſichten von der Kunſt war er ſich nicht mehr gleich. Seine Ideen hatten Macht über ihn erhalten,
der Ernſt ging in Grübelei über. Er ſaß jetzt oft
muthlos und verdroſſen vor ſeiner Arbeit, und die Far⸗ ben vertrockneten auf ſeiner Palette, während er ſelbſt in Träume verſank.
Johanna bemerkte dieſe neuentſtandene Düſterkeit ihres Mannes wohl, und dieſelbe ſchmerzte ſie um ſo mehr, als Raimund jetzt zum erſten Mal ſich nicht voll⸗ kommen aufrichtig und vertraulich gegen ſie zeigte Eines Tags ſchlich ſie ſich hinter ihn, als er mit gebeugten Armen und geſenktem Haupte an ſeiner Staffelei ſaß.
„Raimund, laß mich dieſe melancholiſchen Phan⸗ taſien wegküſſen,“ bat ſie und verſuchte ihren Vorſatz wirklich auszuführen; aber es blieb noch immer eine Wolke auf der Stirne des Malers hängen.
Betrübt über den mißlungenen Verſuch, kehrte ſie
an ihren Platz zurück und verſank jetzt ebenfalls in Grübeleien. Eine Stimme in ihrem Innern ſagte: Dein Leben iſt gar zu ruhig geweſen, als daß es in


