annehmlichkeit, jede Störung des ſonſt ſo friedlichen, häuslichen Lebens von der„armen Selina“ herrührte. Sie nannten ſie oft mit tiefem Mitleid„arm“ und ge⸗ wiß war dies nicht ungerechtfertigt, denn wenn man die bedauert, welche unglücklich ſind, wie vielmehr muß man die bemitleiden, welche Andere elend machen.
Und dies that Selina, hatte es ihr ganzes Leben hin⸗ durch gethan. Zuweilen ward ſie ſich deſſen bewußt und fühlte es mit tiefen Schmerzen; manches Mal war nach einer folchen Scene ihre Reue, ihre Zerknirſchung faſt ebenſo heftig als ihre Leidenſchaft es geweſen, ſodaß ihre Schweſtern noch genöthigt wurden, alle nur mög⸗ lichen Entſchuldigungen für ſie zu erſinnen; und ſie damit
gegen ihre Selbſtanklage zu vertheidigen und zu tröſten
ſuchten, daß„ſie es ja nicht ſo böſe meine“—„es wären die Nerven oder ſonſt ein Unwohlſein“—„es komme nur von ihrer düſtern Art, die Dinge aufzu⸗ faſſen.“
So ſprachen die guten, liebevollen Schweſtern zu der Tiefbereuenden, und dennoch wußten und fühlten ſie, daß nicht ihre Armuth mit all ihren Bedrängniſſen, nicht die Demüthigungen, welche ihre veränderte Lebensſtellung unvermeidlich mit ſich führte, halb ſo ſchwer und bitter zu tragen ſeien, als das, was ſie Selina's„Eigenheiten“ und„Launen“ nannten, die zwar kein Verbrechen waren, doch in ihren Folgen oft ſo unheilvoll wie ein ſolches wirkten.
Askott war der Einzige, der nicht einmal den Ver⸗ ſuch machte, die Sache zu beſchönigen oder zu entſchul⸗ digen. Als er ein Knabe geweſen, hatte er ganz frei


