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Hut hatten ſich ihre Hände über einander gelegt. Ihre Stellung und der Ausdruck ihres Geſichts verkündeten, daß ſie in Betrachtungen verſunken war.
Wer kennt die Seele eines ſolchen Weibes und mag ſchildern, was in ihr vorgeht? Wir vermögen viel⸗ leicht zu errathen, von welchen Gefühlen und Gedanken ein reines, unſchuldiges Mädchenherz bewegt wird, denn es iſt uns ja vergönnt, auch Gott zu ahnen, der ſich in einem ſolchen frommen Herzen widerſpiegelt; wir ver⸗ mögen vielleicht, wenn auch ſchwerer, zu enträthſeln, wo⸗ von das Innere einer tief Geſunkenen erfüllt iſt, denn aus der Ahnung des Guten errathen wir vielleicht auch den Gegenſatz, das Laſter. Aber wer vermag einzu⸗ dringen in das Herz eines jener Weſen, die, wie Sophia Brazow, zu den Räthſeln der Natur gehören, jener We⸗ ſen, die bewegt und hingeriſſen werden von dem Wind des Augenblicks, die ihre Entſchlüſſe in Minuten wech⸗ ſeln, deren Herrin die Laune iſt und die ſelbſt nicht wiſ⸗ ſen, was ſie wollen, weil ihnen jene geheime göttliche Richtſchnur fehlt, die kein Verſtand erſetzen kann, die Tiefe des Gemüths? Sophia war das echte Muſterbild jener weiblichen Weſen, wie man ſie oft in Rußland und auch in Frankreich findet, wo eine oberflächliche Erzie⸗ hung, ein frivoler Umgangston und leichte Literatur all⸗ mälig den angeborenen Seelenadel verwiſchen, das


