Teil eines Werkes 
2. Band (1863)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

202

Verſicherungen zu verſchwenden, denen ſie nicht trauen werden, da Sie beſchloſſen haben zu zweifeln.

Valentin' zog aus der Brieftaſche einen kleinen eleganten Brief und ſagte:

— Als ich Sie heute um dieſe Unterredung er⸗ ſuchte, wurde ich dazu durch viele Gründe veranlaßt. Mein wahres Intereſſe für Ihre Zukunft gebietet mir, Ihnen dieſes zu übergeben.

Er legte den Brief auf den Tiſch vor Lilie und fuhr dann in einem milderen Ton fort:

— Der Inhalt weckte bei mir ein Gefühl, gleich demjenigen, das ein Vater haben muß, wenn er ſein Kind am Rande eines Abgrundes erblickt. Er ſieht ein, daß das Kind um jeden Preis gerettet werden muß, daß es nicht hineinſtürze.— Sie ſind ſchön, Sie ſind einnehmend, Madame, und wenn meine Achtung und Ergebenheit für Sie minder ſtark ge⸗ weſen wäre, ſo hätte dieſer Brief mich leicht vergeſſen machen können, daß ſie Graf Eldau's Gattin ſind. Jetzt hat die Erinnerung an Lilie de Maillé Sie ge⸗ rettet.— Nehmen Sie dieſen Brief zurück, Gräfin, ich habe deſſen Inhalt vergeſſen.

Obgleich bis in ihre Seele ein Kind, ſo fühlte doch Lilie tief, daß Valentin's Worte eine ſcharfe Zurechtweiſung enthielten, die wie zerſchmetternd wirkte.— Es war nicht der Aerger, nicht heftiger Unwille darüber, ſich in ihren Wünſchen getäuſcht zu haben, welcher jetzt Lilie beherrſchte; ſondern es war eine ſo bittere Demüthigung, daß ſie dafür keine Klagen oder Thränen hatte.

Sie beugte ihren Kopf und verbarg das Ange⸗ ſicht in den Händen.