Teil eines Werkes 
2. Band (1863)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

23

Opfert gern etwas von demjenigen Reſpect, auf welchen man ſonſt ſo viel Gewicht zu legen pflegt, um durch Liebe und Güte die edleren Inſtincte zu cultiviren, und zu dieſen gehört keinesweges die Furcht.

Die Furcht iſt ein ſclaviſches Gefühl, welches mit einer ſelbſtſtändigen Denkungsart unvereinbar⸗ lich, und wird bei dem erwachſenen Menſchen leicht mit dem Verlangen, ſeinerſeits tyranniſch zu ſein, vertauſcht.

Frau von Krug klagte in der Tiefe ihres Her⸗ zens darüber, daß ihre Kinder vor alle dem, was ſie hochachtete ſo wenig Achtung hatten.

Sie vergaß dabei, daß, wenn man die Kinder an das Mißachten gewöhnt, ohne einen gültigen Grund anzugeben, warum man gewiſſe Dinge ver⸗ achte, man eigentlich nichts Anderes gethan hat, als der Seele die Gewohnheit einzuimpfen, keine Ach⸗ tung zu hegen; und dann nimmt die Mißachtung den Stempel eines Charakterzugs an, welcher für das ganze Leben einen Einfluß übt und bewirkt, daß man Alles, was Einem nicht gefällt, mit Ge⸗ ringſchätzung betrachtet.

Die Profeſſorin ſah mit Beben dem Augenblick entgegen, wo ſie nicht im Stande ſein würde, den Sohn zu einer Partie nach ihrem Geſchmack zu zwingen, wie ſie es mit der Tochter gethan, und daß er gewiß nie von einer Verbindung, welche er beſchloſſen, abſtehen würde.

Dieſe Gedanken verſcheuchten den Schlaf aus den Augen Ihrer Gnaden, und als ſie endlich ein⸗ ſchlief, träumte es ihr, daß ihr Sohn ſich mit einer in Lumpen gehüllten Bettlerin verheirathet, und