Teil eines Werkes 
2. Band (1863)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

im Allgemeinen den Menſchen fällt, die wahre Ur⸗ ſache der Ungelegenheiten in welche ſie gerathen, herauszufinden. Das kommt wohl daher, daß ſie nie ihre eigenen Fehler anerkennen wollten.

Hätte die Profeſſorin genau über ſich ſelbſt nach⸗ gedacht, ſo würde ſie in dem unbändigen Eigenſinn und der unerſchütterlichen Feſtigkeit ihrer Kinder den Hauptzug in ihrem eigenen Charakter wiedererkannt haben.

Nachdem ihr dieß klar geworden, hätte ſie die Frage aufwerfen ſollen: ob ſie die Behandlungs⸗ weiſe, welche ſie gegen ſie anwandte, für einen Cha⸗ rakter wie den ihrigen für zweckmäßig hielt und die Antwort wäre verneinend ausgefallen.

Sie beklagte ſich im Herzen darüber, daß ſie kein blindes Vertrauen zu ihren Entſchlüſſen hegten; daß ſie nicht ihr Urtheil ehrfurchtsvoll als das richtigſte anerkannten; aber ſie vergaß dabei, daß dem blin⸗ den Vertrauen, der wahren Ehrfurcht nie Furcht, Liebe zu Grunde gelegt werden muß.

Die Furcht verjagt das Vertrauen und ſetzt Schrecken an die Stelle der Ehrfurcht. Was gebiert wohl die Furcht? Nun, ein ewi⸗ ges Bemühen, ſich jeder Unannehmlichkeit zu entziehen.

Von ihr werden Unwahrheit, Heuchelei und Schleicherei großgezogen; während die Liebe die Mutter der Wahrheit, des Vertrauens und der Hoch⸗ achtung iſt.

Ach, Ihr Eltern, die ihr Eure Kinder liebt und ſie zum Guten erziehen wollt, bedenket, daß Ihr mit einer wahren und wirklichen Zärtlichkeit weit mehr Gutes erzielt, als mit Strenge.