299
Mitten im Sopha im innern Zimmer ſaß die Profeſſorin mit der Miene einer Richterin, welche einen Verbrecher zu inquiriren und zu richten ge⸗ dachte.
Der Doktor machte eine höfliche, aber keineswegs kriechende Verbeugung vor Ihrer Gnaden. Es lag etwas wahrhaft Würdevolles in ſeiner ganzen Hal⸗ tung, das unwillkürlich ſelbſt auf die Profeſſorin, ſo wenig Gefühl ſie auch von Natur hatte, Eindruck machte.
— Eure Gnaden haben mich rufen laſſen; kann ich Ihnen als Arzt irgend einen Dienſt leiſten?
— Nein, mein Herr, ich bedarf Ihres Beiſtan⸗ des nicht; ſondern habe Sie gebeten, zu mir her⸗ aufzukommen, in der Abſicht, Ihnen als Arzt zu dienen.
— Da ich vollkommen geſund bin, ſo glaube ich keine ärztliche Hülfe nöthig zu haben; aber da eine Dame von einem ſolchen Verſtande, wie Eure Gna⸗ den, ſich anbietet, als Doktor zu fungiren, ſo unter⸗ ich mich in Demuth der angebotenen Kranken⸗ yflege.
Der Doktor zog ein Fauteuil vor und ſetzte ſich, obgleich Ihre Gnaden ihn weder mit Worten, noch Mienen eingeladen hatte, Platz zu nehmen. Die Profeſſorin fühlte ſich durch das zu gleicher Zeit artige und ungenirte Benehmen des Doktors gereizt.
— Es iſt nicht für ein körperliches, ſondern für ein geiſtiges Uebel, daß ich Ihr Arzt ſein will.
Ihre Gnaden ſagte dieſe Worte mit einer ſchar⸗ fen und durchdringenden Stimme.
— Ich verſichere Eure Gnaden, daß die zwei


