14
An einem ſchönen und klaren Vormittag, An⸗ fangs Juni, ſaßen Frau von Krug und ihre Tochter in einem kleinen, reizenden Cabinet zuſammen.
Albertine hatte ihren Platz am Fenſter und nähte eifrig an einem großen Tuch. Mama thronte in einem kleinen Sopha, einen Strickſtrumpf in der Hand. Es war jetzt die Stunde für Handarbeit. Die Profeſſorin hatte jede Stunde des Tages für eine beſtimmte Beſchäftigung eingetheilt. Man aß bei einem beſtimmten Glockenſchlag; man nähte, muſicirte, promenirte, las und converſirte, alles nach dem Glockenſchlag. Jetzt war es, wie geſagt, die Stunde für Handarbeit, und wenn es dann der Frau von Krug einfiel, ihre Tochter anzureden, ſo hatte dieſe das Recht zu antworten, obgleich es nicht die eigentliche Converſationsſtunde war.
„Es kommt mir vor, als ſei unſer neuer Gärt⸗ ner etwas zu viel Herr,“ bemerkte Frau von Krug und richtete ihre ſtahlgrauen Augen auf die Lochter.
— Kommt es Mama ſo vor?
— Ja. Aber die Gerechtigkeit muß ich ihm widerfahren laſſen, daß er ganz geſchickt in ſeinem Fach iſt und da muß ich wohl mit jenen Herren⸗ manieren etwas durch die Finger ſehen, die indeſſen bei einem ſolchen Menſchen durchaus nicht am Platze ſind.
— Mama wünſchte ja einen Gärtner zu bekom⸗ men, der etwas Bildung hätte.
— Kenntniſſe war das Wort, das ich brauchte und nicht Bildung. Merke Dir das! Bildung bei einem Knecht! Ich muß bekennen, daß Du Dich etwas eigen, um nicht geradezu zu ſagen ſchlecht,


