Teil eines Werkes 
2. Band (1856)
Entstehung
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Mein Bild, Gräfin, ſpricht die Wahrheit.

Damit belügt Ihr Euch, nicht mich. Ich weiß die Feinheiten Eures Pinſels, die Reinheit Eurer Zeichnung, die Lebendigkeit Eurer Farben wohl zu ſchätzen, doch bin ich deßhalb nicht blind gegen die Mängel Eures Bildes. Verleitet, wie mir ſcheint, durch meine Vornamen, habt Ihr aus mir eine Bü⸗ ßende, ihre Sünden bitter bereuende Maria Mag⸗ dalena gemacht... dieß aber bin ich keinesweges.. denn zugegeben, daß ich in meinem Leben vielleicht ſchon manche Sünde beging, ſo hab' ich ſie doch wenigſtens bis jetzt, ſo aufrichtig als auf Eurem Bilde, noch nicht bereut...

Ihyr gefällt Euch, gnädigſte Gräfin, wieder einmal in der unzufriedenen Laune, Euch ſelber Euern Nimbus zu zerſtören... Nur darum, weil Euer gutes, edles Herz Euch ſagt, daß Ihr Euch keiner Sünden anzuklagen haäbt, eben darum habt Ihr keinen Grund, ſie bereuen zu müßen, ſagte Johann von Aachen, ohne von ſeinem Bilde wegzublicken und emſig weiter malend.

Ihr ſeid ein unverbeſſerlicher Schmeichler! entgegnete die Gräfin in lautes Lachen brechend. Fühltet Ihr das, was Ihr ſo eben ausgeſprochen, dann hätten ſich die Züge meines Geſichts unter