Teil eines Werkes 
4. Band (1856) Kaiser Rudolph II. und seine Zeit
Entstehung
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verfehlte Ziel ihres ehrgeizigen Strebens geweſen war und an deſſen Seele die ihrige dann mit un⸗ wandelbarer Treue hing.

In demſelben Augenblick, in welchem Rudolph ſeine müden Augen für immer ſchloß, ertönte jenes Gebrüll aus dem Löwenzwinger von Neuem und noch fürchterlicher als vorher, verſtummte aber wenige Secunden darauf: der treue Löwe Otakar verendete zur ſelben Stunde wie ſein Herr, der Kaiſer!

Die Gräfin erhob ſich heftig ſchluchzend, drückte noch einen letzten Kuß auf die ſchlaff herabhän⸗ gende kalte Hand Rudolphs, warf dann einen dich⸗ ten Schleier über ihr Haupt und wankte aus dem Sterbezimmer, in welches nun auf ihren Wink die Kammerherren und Kammerdiener eintraten. Der erſte Gang der Gräfin war aus der Königsburg in das anſtoßende Nonnenkloſter Sanct Georg. In die Bruſt ihrer Jugendfreundin, der gefürſteten Aeb⸗ tiſſin dieſes Stiftes, Sophie Albin von Helfenburg, ſchüttete ſie die Laſt ihres Schmerzes und ihrer Reue, mit weinenden Augen um ein Aſyl in den ſtillen Mauern von Sanct Georg bittend. Es wurde ihr gewährt; die Gräfin nahm den Schleier und