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— Ich kam alſo wirklich zu ſpät? fragte der Rabbi tief erſchüttert.
— Zu ſpät! Zu ſpät! ſchluchzte Rudolph.
— Dann, Herr, iſt auch der letzte Troſt mir geraubt, ſprach Rabbi Lvew und erhob ſich, um den Kaiſer, welcher das Herz beſaß, dem eigenen Sohne gegenüber gerecht zu ſein, gramgebeugt zu verlaſſen.
— Bleibe noch einen Augenblick, Alter! So eben ſprengt einer meiner Boten über den Schloßhof. Er bringt uns Kunde aus Krumau. Bleibe, um von hier, wenn auch keinen Troſt, doch die Ueber⸗ zeugung mitzunehmen, daß Kaiſer Rudolph, wenn auch manchmal hart, wenigſtens doch gerecht ſein muß.
Der frierende Martin Rutzke trat ein. Er überreichte, von Krumau zurückgeeilt, dem Kaiſer einen vom Oberſtkämmerer Ulrich Deſiderius Pros⸗ kowsky von Proskow ziemlich trocken, aber ausführ⸗ lich abgefaßten Bericht, welchen Rudolph mit zit⸗ ternder Haſt erbrach und noch haſtiger in Gegen⸗ wart des Rabbis und eines der fünf Augenzeugen des vollzogenen Todesurtheils ablas. Dieſer Bericht lautete wörtlich wie folgt:
Dienſtag, am 17. December, langten wir, zwei Stunben nach Mitternacht, im Schloß zu Krumau
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