Teil eines Werkes 
4. Band (1856) Kaiser Rudolph II. und seine Zeit
Entstehung
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Rabbi Loew ſei vor den Stufen Deines gottge⸗ ſalbten Thrones erſchienen, um in ſeinem gerechten Schmerze Dich um die Beſtrafung Deines eigenen Kindes anzuflehen? Du irrſt, mein Herr und Kai⸗ ſer! Dein treuer Knecht hat ſich keuchend zu Dir heraufgeſchleppt, um Dich zu bitten, großmächtiger Gebieter über Leben und Tod Deiner Unterthanen, dießmal in Deiner Huld und Güte Gnade ſtatt Recht auszuüben und das Fleiſch Deines Fleiſches zu ſchonen.

Rabbi, fragte Rudolph hoch erſtaunt, wie iſt's möglich, daß Du für den Verführer, für den Entehrer, für den Mörder Deines einzigen Kindes mich um Schonung und Gnade anzuflehen vermagſt?

Ich vermag es deßhalb, Herr, weil Du ſein Vater biſt und weil es mir, altem Manne, keinen Troſt gewähren kann, Dich zur Verurtheilung Deines Sohnes aufzureizen. Wird dadurch, daß man den Mörder tödtet, die Gemordete zu neuem Leben er⸗ weckt? Nein, Herr! Sie bleibt entehrt, beſchimpft und todt. Welche Beruhigung alſo könnte Dein Schmerz dem Meinigen gewähren, wäre ich ſo grau⸗ ſam von Dir zu begehren, Du ſollteſt das Haupt Deines ungerathenen Sohnes unter das Beil des Henkers legen, um Ehre und Tod meiner armen 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IV. 17