Teil eines Werkes 
4. Band (1856) Kaiser Rudolph II. und seine Zeit
Entstehung
Einzelbild herunterladen

26

gefloßen ſein mag; wir wiſſen nur ſo viel, daß dieſe Statne, nach der Ausſage aller Kunſtkenner des ru⸗ dolphiniſchen Hofes eine der herrlichſten Reliquien aus der Blüthenzeit der griechiſchen Bildhauerkunſt, einen unbezahlbaren Werth beſaß.

Die Gräfin, die für dieſe Statue mehr noch als der Kaiſer für den oben beſchriebenen Tiſch ſchwärmte, konnte ganze Stunden lang vor dem wunderbar fein geformten Marmor ſtehen und ſich in das Anſchauen des Niobiden verſenken, der, Gott weiß aus welcher Künſtlerwerkſtatt hervorgegangen, ſeit Jahrhunderten den zu Staub gewordenen Leib ſeines Bildners über⸗ dauerte. Die himmliſche Kunſt unterſcheidet ſich von der göttlichen Natur hauptſächlich dadurch, daß in dieſer der Schöpfer ſeine Schöpfung, in jener das Geſchöpf ſeinen Schöpfer überlebt.

Der Meiſter, aus deſſen Hirn wie aus deſſen Händen jener himmliſch⸗ſchöngeformte Ilivnäus her⸗ vorgeſprungen war, ließ es ſich, als er noch lebte, gewiß nicht träumen, daß ſeine Statue nach jahr⸗ hundertlanger Wanderung von einem Beſitze in den Andern, endlich durch Procuration eines veroneſiſchen Arztes an den Hof eines deutſchen Kaiſers gelangen und dort das Anſtaunen und die Bewunderung einer der ſchönſten und geiſtreichſten Frauen Böhmens auf