Teil eines Werkes 
1. Band (1856) Kaiser Rudolph II. und seine Zeit
Entstehung
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Nach Verlauf von acht Tagen hatte er ſeine Anfangs etwas ſcheue Geſellſchafterin ſchon ſo gekirrt, daß ſie aus ſeiner Hand und ſeinen Worten ſo willig gehorchte, als ob ſie jedes derſelben zu ver⸗ ſtehen fähig ſei. Kein Wunder alſo, daß er ſie von Tag zu Tage, von Stunde zu Stunde, mehr und mehr liebgewann, ſo daß er ſie endlich ſeine Tröſterin, ſein Kind, ſeine Eva hieß und nicht müde ward, ſie zu ſtreicheln, herzen und abzuküſſen, als ob ſie wirklich das Fleiſch ſeines Fleiſches, das Blut ſeines Blutes wäre. Er pflegte ſie mit väterlicher Liebe und mit banger Sorge, daß der Wärter ſeines Gefängniſſes ſie endlich doch erſpähen und ihm ent⸗ reißen könnte. Und dieſes dunkle Vorgefühl pei⸗ nigte ihn jetzt ſchon dergeſtalt, daß er in Zorn ge⸗ rieth, wenn er dem Gedanken nachhing, man könne ſo grauſam ſein, ihn auch dieſes Troſtes zu berauben.

Die Taube aber ſchien ihm dankbar zu ſein für die zärtliche Pflege, die er ihr angedeihen ließ. Sie küßte ihn, ſo gut ſie es vermochte: ſie theilte ſein Brot, ſie theilte ſein Lager und ſchien Alles zu verſuchen, um ſeine Gebanken zu beſchäftigen und ihn aufzuheitern. Ein Gefangener tröſtet ſo gern den Andern!

1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 13