Teil eines Werkes 
Die Heimkehr oder Was fehlt uns? : eine Erzählung für das Volk / von O. Glaubrecht
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Wiege lag. Bei dem Gruß des Fremden fuhr ſie er⸗ ſchrocken empor, und Gertrud bedeckte voll Angſt das Angeſicht. Der Fremde ſchritt unter dem fortdauernden Entſetzen der Frauen auf die Wiege zu, faßte die heiße Hand des Kindes, ſah forſchend in ſein bleiches Ange⸗ ſicht, befühlte Stirne und Wangen, und zog dann aus ſeiner Taſche ein Käſtchen, wie ein Buch geſtaltet. In dem Käſtchen ſtanden niedliche Fläſchchen von weißem Glaſe, eins ſo groß wie das andere. Eins dieſer Fläſchchen nahm der Fremde heraus, und beſah ſeine Aufſchrift am Lichte; dann öffnete er das gläſerne Stöpfchen, und zählte einige Küglein, die drinnen wa⸗ ren, auf der Hand ab. Dann trat er zur Wiege des kranken Kindes, öffnete leiſe ſeine Lippen und ließ ein Küglein nach dem andern hineingleiten. Bis dahin hatte Keins in der Stube ein Wort geredet; jetzt aber brach die Mutter des Kindes das Schweigen, und un⸗ ter lautem Weinen ſprach ſie:Seyd ihr ein Doctor, Herr, oder ſeyd ihr der Engel Gottes, und iſt das Ge⸗ bet meiner Gertrud erhört? Wer ihr ſeyn mögt, habt Dank, habt in Gottes Namen Dank! Ihr habt mei⸗ ner Seele vom Tode geholfen; ich hätte ſchier an Gott verzweifelt!Ich bin keins von beiden, weder ein Arzt noch ein Engel, ſprach ernſt der Fremde, indem er fortwährend in des kranken Kindes Angeſicht ſah; ich weiß ein Weniges nur von der Arzneikunde, und will das Wenige mit des Herrn Hülfe an eurem Kinde verſuchen. Ich war im Wirthshaus, als Gertrud den Vater rufen wollte, und dachte:Vielleicht kannſt du helfen und rathen, und ſo bin ich dem Mädchen ge⸗ folgt. Wartet jetzt zwei Stunden, und hat das Fieber bis dahin nicht nachgelaſſen, dann gebt aus dem Gläs⸗

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