Teil eines Werkes 
11. Band, Neue Folge : 3. Band (1855)
Einzelbild herunterladen

— 22—

Der Abend kam und war frühlinglich mild. Nach dem frühen Nachteſſen gingen die Dreie hinab auf die Bank. Rechtling's kamen auch herüber; aber Gabriel nicht.

„Wo iſt denn unſer Gabriel?“ fragte Dobel.

„Gott weiß, was dem Bub iſt,“ ſagte Rechtling.„Seit die zwei Anderen fort ſind, iſt alles Leben, alle Freude in ihm wie todt, und ſeit heute iſt er noch ſtiller und redet kein Wort, ſelbſt mit dem Eliaschen nicht, den er doch ſo lieb hat.“

Da flammte es in des Mädchens Geſicht, daß ſie es tief herabbeugen mußte.

„Nun,“ ſagte Dobel,„Scheiden und Meiden thut weh.“

In dem Augenblicke trat Gabriel aus dem Haus und es ſchien als nähme er die Richtung zur Bank, wie ſonſt auch; als er aber Röschen da ſitzen ſah, grüßte er freundlich und ging nach dem Rheine hin.

Aha, dachte ſie, er ſpielt den Verdroſſenen!

„Dem Gabriel iſt das Herz ſchwer,“ ſagte Dobel.„Laßt ihn gehen, es will das auch ſein Recht haben!“

Aber es war kein Spielen bei Gabriel. Das Wort des Mädchens klang immer widerlicher in ſeinen Ohren und verwundete immer tief jein Herz. Er hätte jetzt nicht in ihrer Nähe ſein können und auch das freundlichſte Wort hätte ihm wehe gethan, weil er's für unwahr hätte halten müſſen.

Röschen war auch ſtille den ganzen Abend, und an ihrem Laden ſtand ſie lauſchend, als er heim ging. Es war leer und ſtill in der Straße. Er blieb an ſeiner Thüre ſtehen und blickte

lange nach ihrem Fenſter herauf, das der Laden ſchloß. Endlich

ſchüttelte er den Kopf und ging ins Haus. Was mag er gedacht haben? ſagte zu ſich das Mädchen, und warum mag er den Kopf ſo ernſt geſchüttelt haben?— Sie lag noch lange ſchlaflos und in ſtillen Gedanken da, bis ſie verworren unter einander floſſen und der Schlaf ſie umfing. Ruhe hatte ſie am anderen Tage nicht. Es drückte ſie, daß er ihr bös ſei und ſo ſtill und betrübt da ſaß. Sie ging mehrmals

3