Teil eines Werkes 
11. Band, Neue Folge : 3. Band (1855)
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unter heißen Mutterthränen das Ränzel gepackt; das Wanderbuch geholt, und jetzt, acht Tage nach jener entſcheidenden Stunde, trat er mit rothen Augen in die Stuben der getreuen Nachbarsleute, um ihnen zum Abſchied die Hand zu ſchütteln.

Als er in Meiſter Dobel's Stube trat, und Röschen an der Bibel ſaß, um dem Vater das Kapitel zu leſen, darinnen der Text der heutigen Morgenpredigt ſtand, da pochte ihm das Herz, als wär's ein Eiſenhammer, der von Waſſers Gewalt getrieben auf den Ambos fällt. Sie drückten ihm, Segen wünſchend, die Hand, und als ſie ihm Röschen reichte, da zuckte es ihm bis ins Herz hinein, und ſie lächelte ihn an, daß ihm ſogar Hören und Sehen verging.

Den Blick vergeß ich nicht, und wenn ich hundert Jahre alt werde, ſagte er zu ſich, und das Bild des ſchönſten Mädchens der Stadt war damit in ſeine Seele aufs Neue hineingeprägt, daß es nimmer entſchwinden konnte.

Den Abend ſaß er alleine bei ſeinen Eltern und der Vater gab ihm gute Lehren und die Mutter weinte. Als aber am anderen Morgen die Sonne ins Rheinthal ſtrahlte, zogen Dreie zum Untex⸗ thore hinaus, denen das Herz recht ſchwer war. Geredet wurde nicht viel, bis der erſte gewaltige Schmerz des Scheidens überwunden war. Eine Stunde oder zwei begleiteten ihn die treuen Kameraden und trugen ihm das Felleiſen. Und als ſie ſchieden, war's ja für zwei lange Jahre, und bis jetzt waren ſie nicht zwei Tage von einander getrennt geweſen. War's ein Wunder, daß ihre Thränen floſſen? War's ein Wunder, daß ſie ſich einander zuwinkten, bis ein Bergvorſprung zwiſchen ſie trat, wie die trennende Nothwendigkeit?—

Röschen ſtand am Fenſter und dachte an Joſeph, dem ſie lange ſo nahe nicht geſtanden hatte, und ſagte ſich ſelber: Er iſt doch ein ſtattlicher Junge, und ſchöner geworden, als ich gedacht! Was ſind das ein Paar flammender, brennender Augen, ſo braun, wie eine reife Kaſtanie, die aus der ſtacheligen Kolde ſpringt!—

Der Vater aber meinte, es könne einſt ein tüchtiger Meiſter aus ihm werden; aber er werde viel Lehrgeld in der Fremde zahlen müſſen, denn Leichtſinn ſei ein Hühnchen, das Zeder rupfe,

N. F. II.